Ein Zoo neben dem Konzentrationslager
Am 10. November 2025 fand im Operntreff des Opernhauses Dortmund die Uraufführung der Jugendoper „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ statt. Bereits vor Beginn war im Raum spürbar, dass dieser Abend mehr sein würde als eine weitere Premiere im Spielplan: Jugendliche und Erwachsene saßen nebeneinander, aufmerksam, konzentriert, ohne das übliche Premierenraunen.
Das Werk basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Jens Raschke und nähert sich der Shoah über eine parabelhafte Tierperspektive. Erzählt wird von einem Zoo mit „bombastischem Ausblick“, der tatsächlich existierte – direkt neben dem Konzentrationslager Buchenwald. Während hinter dem summenden Stacheldraht Menschen leiden und sterben, gehen die Tiere ihrem Alltag nach. Sie sehen den Rauch, riechen den Gestank, hören die Geräusche – und entscheiden sich dennoch, nicht hinzusehen. Erst ein junger Bär stellt Fragen und verweigert das Wegschauen.
Diese Perspektive erweist sich als ebenso verstörend wie wirkungsvoll. Raschkes Text macht das Grauen des Holocaust für junge Menschen zugänglich, ohne es zu verharmlosen. Zugleich richtet er eine unbequeme Frage an jede Generation: Welche Haltung nehmen wir ein, wenn wir Unrecht beobachten – sind wir Bär oder Pavian?
Komponist Edzard Locher hat das vielfach ausgezeichnete Theaterstück für Stimme und Perkussion vertont. Seine Musik ist reduziert, präzise und von großer innerer Spannung. Sie verzichtet bewusst auf Sentimentalität und lässt Raum für das Gesagte – und das Verschweigen. Getragen wird sie von dem eindrucksvollen Spiel des Perkussionisten Sven Pollkötter. Die musikalische Leitung lag bei Olivia Lee-Gundermann und Koji Ishizaka.
In der Regie von Stephan Rumphorst entfaltet sich das Stück konzentriert und klar. Bühne und Kostüme von Emine Güner bleiben bewusst schlicht und schaffen starke Bilder ohne illustrative Überdeutlichkeit. Die Dramaturgie von Dany Handschuh hält die Balance zwischen Erzählen und Zumuten. Wendy Krikken, Cosima Büsing und Franz Schilling verleihen den Tierfiguren emotionale Tiefe und große Glaubwürdigkeit.
Obwohl als Jugendoper ab zwölf Jahren ausgewiesen, erwies sich die Inszenierung eindeutig als Stück mit universeller Aussagekraft. Der lange Applaus und die spürbare Nachdenklichkeit im Saal zeigten, dass diese Oper nicht nur gesehen, sondern verarbeitet werden wollte. Die Fotografien von Darya Singh (J.E.W.) halten jene Momente fest, in denen Theater zur moralischen Herausforderung wird.
Die Produktion wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat gefördert.
Gerade in einer Gegenwart, in der Antisemitismus offen artikuliert wird und das Wegsehen wieder gesellschaftsfähig erscheint, erhält diese Jugendoper eine beklemmende Aktualität. Was das Nashorn sah bleibt nicht im historischen Raum der Shoah stehen, sondern fordert eine Haltung im Hier und Jetzt ein. Das Stück erinnert daran, dass Verantwortung nicht erst dort beginnt, wo der Zaun verschwindet, sondern dort, wo wir entscheiden, ob wir hinschauen. Diese Frage richtet sich nicht nur an junge Zuschauer, sondern an eine Gesellschaft insgesamt – heute mehr denn je.
Artikel & Fotos: Darya Singh/J.E.W.