Gedenken im Opernhaus

Im Dortmunder Opernhaus erinnerte eine Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht 1938. Wo heute Kunst und Musik erklingen, stand einst die Große Synagoge – 1900 als „Zierde der Stadt“ erbaut, im September 1938 abgerissen. Das Theater Dortmund sieht sich in der Verantwortung, durch Kunst und Kultur die Erinnerung lebendig zu halten.

Oberbürgermeister Alexander Kalouti, erst eine Woche zuvor ins Amt eingeführt, sprach über Verantwortung und die Bedeutung des 9. November. Er machte deutlich, dass Antisemitismus keine Meinung und kein Relikt der Vergangenheit ist: „Antisemitismus bleibt immer Antisemitismus – egal, wie man ihn verpackt, ob er von rechts oder auch links kommt oder eben auch aus der migrantischen Community.“ Der Angriff der Hamas habe gezeigt, wie schnell Hass und Terror wieder entfesselt werden können. „Jüdisches Leben gehört zu Deutschland, zu Dortmund, und wer es angreift, der greift uns alle an.“ Offen sprach Kalouti auch über eigene Erfahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus und betonte, dass Haltung im Alltag beginne – in Worten, Blicken und im Mut, Widerspruch zu leisten. Dortmund solle, so seine Vision, eine Stadt bleiben, „in der niemand Angst haben muss, weil er anders ist oder jüdisch – und in der wir aus der Geschichte nicht nur Trauer ziehen, sondern Mut.“

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums und führender Experte für deutsch-jüdische Geschichte, hielt den Hauptvortrag des Abends. Er machte deutlich, dass die Forschung zu den Pogromen in Dortmund noch immer lückenhaft sei und erst jetzt – durch Katharina Ojacsek an der Steinwache – systematisch aufgearbeitet werde.

Gross analysierte auch die Geschichte des Gedenkens selbst: Bei der ersten öffentlichen Gedenkfeier 1978 in Dortmund sei das Wort „Antisemitismus“ in der Rede gar nicht vorgekommen. Mit Verweis auf die Soziologin Eva Illouz warnte er vor einem „Mangel an Empathie“ nach dem 7. Oktober 2023, besonders bei jenen, „die sich selbst als moralisch besonders vorbildlich verstehen“. Antisemitismus dürfe nicht vorschnell einem politischen Lager zugeordnet werden: „Antisemitismus kann ein politischer oder kultureller Kurs sein, aber er ist gleichzeitig ein Indiz für eine zunehmende moralische Desorientierung der Gesellschaft.“

Der Opernjugendclub und die Formation Dortmund Musik gestalteten den Abend musikalisch, der mit der traditionellen Kranzniederlegung endete.

Hana Kopelewitsch
Foto: Ramiel Tkachenko / J.E.W.