Rede des Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund Zwi Rappoport anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Dortmunder Opernhaus, gehalten am 10.11.2025

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kalouti,
Sehr geehrter Herr Rabbiner Nosikov,
Sehr geehrter Herr Gross,
Sehr geehrte Herr Ehinger,
Liebe Gemeindemitglieder,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Die brennenden Synagogen und die Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung im November 1938 waren für Juden ein letztes Warnzeichen, ihr Land zu verlassen.
Wer dieses Alarmsignal überhörte oder ignorierte, war dem Tode geweiht.
Dies ist auch an meiner eigenen Familiengeschichte abzulesen:
Meine Eltern emigrierten noch rechtzeitig in das damalige englische Mandatsgebiet Palästina.
Aber ihre Mütter, meine Großmutter Luise in Münster und meine Großmutter Rosa in Wien, blieben, in der Hoffnung, dass ihnen nichts passieren würde. Sie wurden – wie viele meiner Familienmitglieder – in die Vernichtungslager geschickt und ermordet.

Zwi Rappoport,
Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund

Die schmerzhafteste Erkenntnis aus dem Trauma des Holocaust war, dass wir Juden allein gelassen wurden. Niemand kam uns zur Hilfe.
Auf der Konferenz von Evian im Juli 1938 weigerten sich 31 von 32 Staaten, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen.
Neutrale Staaten wie die Schweiz und Schweden führten ungerührt Handel mit den Nazis – trotz Wissens um den Holocaust.
Und von den Staaten, die gegen Deutschland Krieg führten, tat niemand dies, um die Juden zu retten.
Viele bedauerten ihr Schicksal, aber kaum einer unternahm etwas.
Dieses bittere Gefühl des „Alleingelassenseins“ wiederholte sich für die jüdische Gemeinschaft nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023.
In meiner Rede zur Reichspogromnacht vor 2 Jahren – wenige Wochen nach dem Massenmord an fast 1200 Menschen -, habe ich die Empathielosigkeit und fehlende Anteilnahme seitens weiter Teile der deutschen Öffentlichkeit beklagt.

Damals habe ich unter anderem gesagt:

„Und wie reagierte die deutsche Öffentlichkeit auf diese furchtbare Katastrophe, die die Juden in Israel, in Deutschland und auf der ganzen Welt bis ins Mark getroffen hat?

Es gibt einige Solidaritätsbekundungen und Pro-Israel-Demonstrationen mit viel zu wenigen Teilnehmern.
Dass Israels Sicherheit und der Schutz jüdischen Lebens deutsche Staatsraison sind, fehlt in keiner Politikerrede.

Draußen im Land aber sieht das Bild ganz anders aus.
Judenhass in all seinen Erscheinungsformen explodiert auf deutschen Straßen.

Seit dem Terrorangriff der Hamas sind die antisemitischen Straftaten sprunghaft gestiegen.
Die Pro-Palästina Demonstrationen mutieren regelmäßig zu Pro-Hamas Veranstaltungen, bei denen die Terroristen bejubelt und als „Widerstandskämpfer“ gefeiert werden.

Wir fragen uns voller Sorge:
Müssen wir nach dem versuchten Massenmord eines Rechtsextremisten in Halle 2019, der nur durch eine massive Holztür verhindert wurde, nun mit einer ähnlichen Bedrohung von muslimischer Seite rechnen? Oder von Linksextremisten? Oder von allen gemeinsam? Das ist keine Panikmache!“

 

Solche unheiligen Allianzen zwischen linkem, rechtem und islamistischem Antisemitismus werden immer häufiger auf Demonstrationen sichtbar.

Und wo bleibt die Unterstützung der deutsche Zivilgesellschaft, die beim Angriff auf die Ukraine noch Solidarität und Mitmenschlichkeit gezeigt hat?

Wo bleibt der kollektive Aufschrei, wo sind die Lichterketten, wo sind die Kirchen, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsverbände? Wo sind die Künstler, die Vereine, die Schulen, die Universitäten und die Intellektuellen? Und wo sind die Musiker, die sich doch mit den 260 Jugendlichen solidarisieren müssten, die auf einem friedlichen Open-Air-Musikfestival von der Hamas regelrecht abgeschlachtet wurden?

-Es waren übrigens 378 Ermordete, wie man heute weiß-.

Dieses kalte Schweigen, diese mangelnde öffentliche Anteilnahme, diese Gleichgültigkeit vieler Menschen, ist beschämend und macht uns fassungslos.

Wir fühlen uns weitgehend allein gelassen.

Soweit meine damaligen Ausführungen, vier Wochen nach dem menschenverachtenden Terrorangriff der Hamas.

Dieses Gefühl der Einsamkeit und des Alleingelassenseins hat sich seitdem noch verstärkt.

Eine Welle an antisemitischen und antiisraelischen Ressentiments hat uns geradezu überschwemmt.

Diese fast wahnhafte, weltweite Antisemitismuswelle nimmt die Juden in Kollektivhaftung für die israelische Kriegsführung in Gaza.

Wir erleben Antisemitismus an Schulen, Universitäten, im Sport und in der Kulturszene.

Und zwar keineswegs nur aus dem rechten politischen Spektrum.

Zum Antisemitismus von links sagt der Musiker und Autor Wolfgang Seidel, ehemaliger Schlagzeuger der Rio Reiser-Band „Ton, Steine, Scherben“:

Ich zitiere:

„Antisemitismus wird nicht nur kaum noch kritisiert, er ist in weiten Teilen der Kulturszene akzeptiert. Das unter dem Deckmantel der „Israelkritik“, dem „Postkolianismus“ und einer vermeintlich moralisch gerechtfertigten Parteinahme für die „palästinensische Sache“……

Und weiter bemerkt Seidel:

„Es macht mich ratlos, wenn ich Musiker hier in Berlin sehe, wie sie sich eitel wie Pfaue mit der Kufiya präsentieren. Gerade sie müssten wissen, was es für ihre Kunst bedeuten würde, wenn die Kräfte, für die sie die nützlichen Idioten abgeben, siegen würden.
Was mich auch irritiert, ist, dass das, was ich einmal als politisch links betrachtet habe, und zu dem ich mich zählte, in Teilen offen antisemitisch geworden ist.“

Zitat Ende

Zwei Jahre nach dem 7.Oktober tritt Judenhass also noch offener, aggressiver und lauter zutage.

Neben antisemitischen Schmierereien und persönlichen Anfeindungen erleben wir auch körperliche Gewaltakte, wie beispielsweise den brutalen Angriff auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira Anfang 2024 in Berlin, der von einem Kommilitonen krankenhausreif geschlagen wurde. Oder tätliche Angriffe sogenannter „propalästinensischer Aktivisten“ auf friedliche Demonstranten, die sich für die Befreiung der Geiseln stark gemacht haben – so geschehen im August dieses Jahres in Frankfurt am Main.

Das alles hat nichts mit Kritik an Israels Politik zu tun, sondern ist blanker Judenhass.

Aber auch auf christlicher Seite herrschte Sprachlosigkeit, und es bestand zunächst wenig Interesse an einem Miteinander.
Der Historiker und emeritierte Professor für Zeitgeschichte, Dr. Josef Foschepoth, zeitweise Generalsekretär des Deutschen Koordinierungsrates der Christlich-Jüdischen Gesellschaften, stellte hierzu fest: 

Ich zitiere:
„Die Gründung der ersten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entsprach keinem deutschen Interesse.
Weder die Kirchen, noch die Christen hielten es für nötig, angesichts der Schrecken der Vergangenheit und der den Juden zugefügten Leiden, nach den religiösen und gesellschaftlichen Ursachen zu fragen, gar eine Annäherung zwischen den Religionen und Kulturen anzustreben.
Selbst der erneut aufkeimende Antisemitismus wurde nicht als besonderes Problem empfunden.“ Zitatende

Zwei Jahre nach dem 7.Oktober tritt Judenhass also noch offener, aggressiver und lauter zutage.

Neben antisemitischen Schmierereien und persönlichen Anfeindungen erleben wir auch körperliche Gewaltakte, wie beispielsweise den brutalen Angriff auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira Anfang 2024 in Berlin, der von einem Kommilitonen krankenhausreif geschlagen wurde. Oder tätliche Angriffe sogenannter „propalästinensischer Aktivisten“ auf friedliche Demonstranten, die sich für die Befreiung der Geiseln stark gemacht haben – so geschehen im August dieses Jahres in Frankfurt am Main.

Das alles hat nichts mit Kritik an Israels Politik zu tun, sondern ist blanker Judenhass.

Die Ausladung der Münchener Philharmoniker wegen ihres israelischen Dirigenten Lahav Shani, der gerade uns Dortmunder immer wieder begeistert hat, und der sich stets für Frieden und Versöhnung eingesetzt hat, ist keine legitime Kritik an Israel, sondern ein Vorwand für Ausgrenzung und Boykott israelischer Künstler.

Und wenn in einem Lokal in Fürth „Israelische Bürger“ für
„nicht willkommen„ erklärt werden oder in einem Geschäft in Flensburg im Schaufenster zu lesen war: „Juden haben hier Hausverbot“, dann erinnert dies nicht nur an die dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte, sondern sollte jedem bewusst machen:

Der Hass auf Juden und der Hass auf Israel sind zwei Seiten derselben Medaille!

Verehrte Anwesende,

Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass Mitgefühl mit den zivilen Opfern in Gaza verständlich und nachvollziehbar ist. Auch kann man sich durchaus – wie in jedem Krieg – die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen.

Aber wenn dabei ausgeblendet wird, dass die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges allein bei den Terrororganisationen Hamas, Dschihad, Hisbollah und nicht zuletzt bei dem islamistischen Mullahregime im Iran zu suchen ist, dann führt diese gefährliche Einseitigkeit zu einer Täter-Opfer-Umkehr:

Dann ist Israel nicht mehr das Opfer, sondern der vermeintliche Täter.

Diese pervertierte Sichtweise hat nicht nur in extremistischen Milieus, sondern leider auch in großen Teilen der Zivilgesellschaft Anschluss gefunden.

Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte die unausgewogene, verzerrte oder gar fehlende Berichterstattung in deutschen Medien sein.

Die Gräuel der Hamas, das Leid und das Trauma der gesamten israelischen Gesellschaft, das Martyrium der verschleppten und ermordeten Geiseln und ihrer Familienangehörigen, der Umstand, dass deutsche Staatsangehörige unter den Ermordeten und unter den verschleppten Geiseln waren,- all das ist in den deutschen Medien viel zu wenig wahrgenommen und thematisiert worden.

Stattdessen, und obwohl es keine von der Hamas unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen gibt, berichteten die Medien täglich vorzugsweise über die schrecklichen Folgen des Krieges auf palästinensischer Seite.

Die deutsche Israelberichterstattung ist auch nach Auffassung der Bundesfamilienministerin Karin Prien sehr häufig einseitig,
Zitat: „gerade auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“

Dies führe Zitat: „zu einer latenten oder sogar ausgesprochenen Täter-Opfer- Umkehr“. Ende des Zitats

Das ist ein schwerwiegender Vorwurf gegenüber einer Institution, die zu einer wahrheitsgemäßen, umfassenden und ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet ist.

Dass die Terroristen der Hamas die Zivilbevölkerung als lebendes Schutzschild missbrauchten, dass sie so die Opferzahlen in die Höhe trieben und bewusst nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterschieden, die wenigsten interessiert das heute noch.

Diese einseitige, verzerrte, unausgewogene Berichterstattung findet sich übrigens auch in der örtlichen Presse wieder.

Nur ein Beispiel von vielen:

Als im Oktober, nach über zwei Jahren, die 20 noch lebenden Geiseln der Hamas endlich freigelassen wurden, atmete die Jüdische Gemeinschaft in Israel und in der ganzen Welt erleichtert auf und feierte überschwänglich die Rückkehr der Überlebenden.

 

Der Redaktionsleiter der Ruhrnachrichten, Ulrich Breulmann, wählte als Überschrift seines Kommentars zu diesem Ereignis:

„Tag der Geiselbefreiung – es fühlt sich alles falsch an“

Die Kälte und Empathieverweigerung dieser Überschrift hat ein Leserbrief dankenswerterweise auf den Punkt gebracht:

Ich zitiere:

„Mit der Meinung „es fühlt sich alles falsch an“ unterschreitet die Tageszeitung jegliche journalistische Ethik und Moral. Diese Meinung wäre es wirklich wert, unter der Rubrik „So tickt Deutschland“ journalistisch in Israel veröffentlicht zu werden.

In einer solchen Meinung zeigt sich, wie tief die Voreingenommenheit sitzt, wie sekundär das Schicksal der Geiseln letztendlich ist. Es geht nur darum, dass nicht die „Falschen die Lösung kreieren“ Zitatende

Der besagte Redakteur ist übrigens Diplom-Theologe…

Eins ist jedenfalls offensichtlich: den Propagandakrieg hat die Hamas längst gewonnen – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die jüdische Bevölkerung weltweit.

Meine Damen und Herren,

Was bedeutet diese besorgniserregende Entwicklung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland?

Stehen wir aktuell wieder vor der Frage: bleiben oder gehen?

Tatsache ist, dass ein Gefühl zurückgekommen ist, das wir überwunden zu haben glaubten: die Angst vor erneuter Diskriminierung und Ausgrenzung.

Und manche haben die sprichwörtlichen „gepackten Koffer“ zumindest gedanklich wieder hervorgeholt.

Aber es gibt gravierende Unterschiede zwischen damals und heute:

Heute existiert der Staat Israel als Zufluchtsort und Schutzmacht des jüdischen Volkes.

Daraus schöpfen wir Juden in der Diaspora den Mut und die Widerstandskraft, um trotz des Antisemitismus unsere jüdische Identität zu wahren und unbeirrt unser Judentum zu leben.

Zum anderen ist der entscheidende Unterschied zu damals, dass wir heute in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leben, in der die Menschenwürde, die Religionsfreiheit und die Gleichheit jedes Einzelnen geschützt ist.

Für die jüdische Gemeinschaft in Dortmund kann ich daher mit Bestimmtheit sagen:

Wir sind keineswegs bereit, den extremistischen Kräften das Feld zu überlassen.

Im Gegenteil:

Mit Unterstützung der Stadt wurde erst vor kurzem eine städtische Jüdische Grundschule eröffnet.

Dieses starke Zeichen zeigt, dass sowohl wir als auch die politischen Kräfte in unserer Stadt fest an eine Zukunft jüdischen Lebens in Dortmund glauben.

Klar ist aber auch:

Wir brauchen noch viel mehr Engagement, Mut, Unterstützung und Entschlossenheit aus der Mitte der Gesellschaft, um die durchaus vorhandenen antisemitischen Kräfte erfolgreich zurückzudrängen.

Sollten Juden – G“tt behüte – eines Tages erneut ihre Freiheit und Sicherheit verlieren und gezwungen sein, Deutschland zu verlassen, dann droht der deutschen Gesellschaft der Verlust der Demokratie.

Es beginnt mit den Juden.

Es hört aber nicht bei Ihnen auf.