Grußwort von Zwi Rappoport, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe, anlässlich der Herbsttagung der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), gehalten am 23. November 2025 in Bielefeld-Bethel
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Dr. Bauer,
sehr geehrte Frau Präses Dr. Ruck-Schröder,
sehr geehrter Herr Bischof Dr. Overbeck,
verehrte Vertreter und Vertreterinnen der Kirchenverbände,
verehrte Mitglieder der Kirchenleitung,
sehr geehrte Damen und Herren,
Zwi Rappoport,
Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe
als ich gebeten wurde, auf der heutigen Landessynode ein Grußwort für die Jüdische Gemeinschaft in Westfalen zu sprechen, habe ich mich sehr gefreut, auch aus einem ganz persönlichen Grund, den ich hier schildern möchte:
Meine im Jahre 2006 im gesegneten Alter von 94 Jahren verstorbene Mutter Dora Rappoport war eine Wegbereiterin des christlich-jüdischen Dialogs:
1957 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Münster.
Als deren jüdische Vorsitzende hat sie drei Jahrzehnte lang in unzähligen Vorträgen und Diskussionen in Kirchengemeinden, Schulen und anderen öffentlichen Institutionen sowie mit regelmäßigen Synagogenführungen versucht, antijüdische und antisemitische Ressentiments abzubauen und für ein neues Verständnis zwischen Juden und Christen einzutreten. Gleichzeitig warb sie immer wieder für Solidarität mit dem jungen Staat Israel.
Als überzeugte Zionistin war sie bereits im Jahre 1932 aus Wien nach dem damaligen Mandatsgebiet Palästina ausgewandert, um in einem Kibbuz an der Vision eines jüdischen Staates mitzuwirken.
Mein Vater hingegen war gezwungenermaßen 1935 emigriert, nachdem ihn die Nationalsozialisten aus seinem Richteramt entfernt hatten.
Neun Jahre nach Kriegsende kehrte er mit meiner Mutter und mir nach Münster, in die Stadt zurück, aus der er vertrieben und seine Mutter, meine Großmutter Luise, deportiert und ermordet wurde.
Auch wenn es schwer nachvollziehbar ist: mein Vater hatte Sehnsucht nach seiner westfälischen Heimat, nach seiner Muttersprache und vor allem ein starkes Bedürfnis nach später Gerechtigkeit. Von den Nazis hinausgeworfen, wollte er wieder seinen Beruf als Richter ausüben.
Meine Mutter hingegen war über den Entschluss meines Vaters, nach Deutschland zurückzukehren, sehr unglücklich.
Zu tief war die Kluft zwischen ihr als Jüdin und der nichtjüdischen, deutschen Gesellschaft.
Den Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland empfanden die meisten Deutschen damals als „Zusammenbruch“ und Niederlage und nicht – wie sie – als Befreiung.Das Nachkriegsdeutschland war für sie, wie sie sich einmal ausdrückte, „ein riesiger jüdischer Friedhof, in dem die Täter weiterlebten“.
Bei jedem Erwachsenen stellte sie sich unwillkürlich die Frage:
Was hat der wohl während der Nazizeit getan?
Gibt man womöglich einem Mörder die Hand?
Und so bestanden die wenigen nichtjüdischen Freunde meiner Eltern aus Menschen, die wegen ihrer religiösen oder politischen Grundüberzeugung dem Nationalsozialismus widerstanden hatten: Einige gläubige Christen und ein Gewerkschaftler, der nachweislich kein Nazi war.
Ich schildere diese Gedanken und Gefühle meiner Mutter so ausführlich, weil die wenigen Juden, die im Nachkriegsdeutschland lebten, ähnlich gedacht und gefühlt haben.
Die jüdische Gemeinschaft bestand damals aus einer Handvoll Emigranten, die trotz allem zurückgekehrt waren, und den wenigen Überlebenden der Konzentrationslager, die entwurzelt in Deutschland geblieben waren, weil sie nicht mehr die Kraft hatten, woanders neu zu beginnen.
Diese Menschen wollten einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Nach einem Dialog mit ihrer nichtjüdischen Umwelt war ihnen aus verständlichen Gründen nicht zumute.
Aber auch auf christlicher Seite herrschte Sprachlosigkeit, und es bestand zunächst wenig Interesse an einem Miteinander.
Der Historiker und emeritierte Professor für Zeitgeschichte, Dr. Josef Foschepoth, zeitweise Generalsekretär des Deutschen Koordinierungsrates der Christlich-Jüdischen Gesellschaften, stellte hierzu fest:
Ich zitiere:
„Die Gründung der ersten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entsprach keinem deutschen Interesse.
Weder die Kirchen, noch die Christen hielten es für nötig, angesichts der Schrecken der Vergangenheit und der den Juden zugefügten Leiden, nach den religiösen und gesellschaftlichen Ursachen zu fragen, gar eine Annäherung zwischen den Religionen und Kulturen anzustreben.
Selbst der erneut aufkeimende Antisemitismus wurde nicht als besonderes Problem empfunden.“ Zitatende
Umso bewundernswerter war daher der Entschluss der wenigen Gleichgesinnten, Juden und Christen, sich aus der Erstarrung zu lösen und aufeinander zuzugehen.
Was speziell meine Mutter bewogen hat, ihre Grundhaltung zu ändern und sich ihrer nichtjüdischen Umgebung zu öffnen, kann ich nur vermuten.
Nach den eklatanten Brüchen in ihrem Leben, suchte sie wohl nach einer neuen, sinnstiftenden Aufgabe.
Bahnbrechend bei dieser Neubestimmung war die Konzilserklärung Nostra Aetate aus dem Jahre 1965.
Nunmehr wurde die bleibende Erwählung der Juden als „ältere Brüder“ betont und ihre jahrtausendelange kollektive Verunglimpfung und Verfolgung als „Gottesmörder“ verurteilt.
Auch dank dieses christlich-jüdischen Gesprächs entwickelte sich in den Jahrzehnten nach der Schoah in Teilen der evangelischen und katholischen Kirchen und Theologien schrittweise ein neuer Blick auf das Judentum.
In den Folgejahren haben Katholiken und Protestanten mit Denkschriften, Erklärungen und verbindlichen Beschlüssen zu einem ökumenischen Gleichklang im Verhältnis zum Judentum gefunden.
Besonders erwähnenswert sei hier der Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ von 1980, in dem der Staat Israel theologisch als „Zeichen der bleibenden Treue Gottes gegenüber seinem Volk“ benannt wird.
Diese Erklärungen und das daraus resultierende geänderte Denken und Handeln schufen – trotz mancher Rückschläge – ein neues Vertrauensverhältnis zwischen Juden und Christen.
Doch ausgerechnet der pogromartige Terrorangriff der Hamas und die darauffolgenden Kriege in Gaza und im Libanon haben das christlich-jüdische Verhältnis stark beeinträchtigt.
Die antisemitischen und antiisraelischen Ressentiments, die wir Juden seitdem im extremen Maße erleben, haben leider auch in christlichen Kreisen Anschluss gefunden.
Sie lassen bei manchem von uns Zweifel aufkommen, ob die Neuausrichtung des christlich-jüdischen Verhältnisses eine bleibende Verpflichtung und wirklich nicht mehr umkehrbar ist.
Ein Blick auf die Haltung der christlichen Weltbünde zu Israel macht diese Sorge verständlich.
Am 8. Oktober 2023, nur einen Tag nach dem Überfall der Hamas, als noch immer dutzende Terroristen in Israel aktiv waren und noch während die überfallenen Kibbuzim von der israelischen Armee freigekämpft werden mussten, veröffentlichte der Lutherische Weltbund eine Erklärung, in der es wörtlich heißt:
„Der Lutherische Weltbund reagiert mit großer Betroffenheit auf die Angriffe der Hamas auf Städte in Israel und auf die Zivilbevölkerung des Landes sowie auf die darauffolgende Vergeltung der israelischen Armee.“ Zitatende
Wie auch immer das Vorgehen der israelischen Armee während des sich anschließenden Gazakrieges zu bewerten ist, muss doch für die Zeit des terroristischen Überfalls, in dessen Verlauf über tausend Menschen gezielt misshandelt und getötet wurden und gleichzeitig ein massiver Raketenbeschuss auf Israel stattfand, unzweifelhaft von „Verteidigung“ gesprochen werden.
Die Bewertung durch den Lutherischen Weltbund als „Vergeltung“ – nur einen Tag nach dem Terrorangriff – bedient hingegen eines der ältesten antijüdischen Ressentiments, die in der christlichen Tradition zu finden sind: Die jüdische Rache.
Und es ist nicht nur der Lutherische Weltbund, der sich so äußert.
Ähnliche Erklärungen erfolgten einen Tag später vom „Ökumenischen Rat der Kirchen“ und von der „Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen“, in der lediglich von „jüngsten Feindseligkeiten zwischen Israel und Palästina“ die Rede ist.
Über die Gräueltaten der Hamas – dazu findet sich kein Wort in den Stellungnahmen der drei christlichen Weltbünde.
Wie lässt sich diese verzerrte Perspektive der internationalen kirchlichen Organisationen erklären?
Maria Coors, evangelische Theologin und Historikerin sowie Projektleiterin für den interreligiösen Dialog bei der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, weist darauf hin, dass die Weltbünde ausgesprochen vielfältig seien mit Stimmen aus dem globalen Süden und aus dem arabischen Raum.
Da gerate eine Post-Schoah-Theologie, die sich um eine Aufarbeitung christlicher Judenfeindschaft bemüht habe, aus dem Blick.
Sie werde polemisch abgewehrt als historisch bedingter, deutscher Sonderfall, der für den Rest der Christenheit nicht nur nicht relevant sei, sondern den Blick auf echte Theologie verstelle.
Ursache dieser Entwicklung sei die missbräuchliche Übernahme postkolonialer Kritik in die theologische Debatte, um dadurch eine selbstkritische Bearbeitung von christlicher Judenfeindschaft abzuwehren. Dies sei quasi eine theologische Version von Schuldabwehr.
Günther Thomas, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum, geht sogar so weit, die verschiedenen Erklärungen der christlichen Weltbünde als – Zitat „Ökumene des Antisemitismus“ zu bezeichnen.
Die merkwürdige Distanz, die merkwürdige Vorwurfshaltung gegenüber Israel, die selbst die ersten Reaktionen unmittelbar nach dem Hamas-Massaker durchzogen haben, sei Teil einer großen Verschiebung innerhalb der Theologie.
Die heilsgeschichtliche Dimension des klassischen Antijudaismus habe ein neues Objekt gefunden.
Eine niederschmetternde Analyse, denke ich, zumal es der Ökumenische Rat der Kirchen war, der 1948 Antisemitismus als „Sünde gegen Gott und die Menschheit“ klassifizierte.
Empört hat mich auch die Aussage des Weltkirchenratsvorsitzenden Bedford-Strom, dass Jüdinnen und Juden in aller Welt – Zitat „wegen des Handelns der israelischen Regierung antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind“.
Christian Staffa, der Antisemitismusbeauftragte der EKD, hat diesen Satz zu Recht als „Täter-Opfer-Umkehr“ gebrandmarkt. Die Juden in der Diaspora würden eindeutig als Juden drangsaliert und nicht wegen Netanjahu, sondern weil es eben diese antisemitische Stimmung gäbe.
Dass der Hass auf Juden und der Hass auf Israel zwei Seiten derselben Medaille sind, zeigen beispielhaft zwei Vorfälle der jüngsten Zeit:
In einem Aushang in Fürth war zu lesen: „Israelische Bürger sind in diesem Lokal nicht willkommen“. Im Schaufenster eines Geschäftes in Flensburg hieß es: „Juden haben hier Hausverbot“.
Dies erinnert an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte.
Was die Zukunft des christlich-jüdischen Verhältnisses angeht, sieht der Antisemitismusbeauftragte Christian Staffa das Bild nicht ganz so düster wie zuvor beschrieben.
Bei allen Rückschlägen, wie sie sich aus seiner Sicht etwa in der Debatte zur Haltung der Weltbünde zeigten, sieht er dennoch Fortschritte, die in den deutschen Kirchen erzielt wurden.
Er betont, dass die EKD, aber auch die Landeskirchen, eine stabile Position zu Israel hätten, die – ich zitiere – nicht denunzierend ist, die nicht abwertend ist, die nicht „Völkermord“ und „Apartheid“ sagt.
Verehrte Anwesende,
Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass ich das Mitgefühl und die Trauer um die zivilen Opfer in Gaza teile.
Auch kann man sich – angesichts der israelischen Kriegsführung – durchaus die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen.
Wenn dabei aber die Verantwortung für den Ausbruch dieses schrecklichen Krieges ausgeblendet wird, und diese denunzierenden Kampfbegriffe genutzt werden, verhindert diese Dämonisierung Israels jegliche Friedensbemühungen zwischen beiden leiderfüllten Völkern.
Der israelische Journalist Oded Lifschitz war jahrelang ein unermüdlicher Friedensaktivist.
Bei dem Massaker in seinem Kibbuz Nir Oz wurde der 83 Jährige von der Hamas verwundet, verschleppt und verstarb nach wenigen Wochen in der Geiselhaft.
Vor einigen Jahren gab er ein Interview im Deutschlandfunk.
Er sagte: “Am Ende wird es Frieden geben. Es gibt keine andere Lösung. Krieg kann man vermeiden, aber Frieden lässt sich nicht vermeiden. Es gibt ja keine andere Möglichkeit.“
Ob er daran festhalten konnte, nach allem, was er erlebt hat?
Wir wissen es nicht. Wir können nur darauf hoffen und beten, dass er Recht behält.
Meine Damen und Herren,
die Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 waren auch für uns Juden in Deutschland eine Zäsur.
Eine Welle an antisemitischen und antiisraelischen Ressentiments hat uns seitdem überschwemmt. Wir erleben Judenhass an Schulen, Universitäten, im Sport und im Kulturbereich.
Was bedeutet diese besorgniserregende Entwicklung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland?
Stehen wir aktuell wieder vor der Frage: Bleiben oder gehen?
Tatsache ist, dass ein Gefühl zurückgekommen ist, das wir überwunden zu haben glaubten: Die Angst vor erneuter Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung.
Und manche haben die sprichwörtlich „gepackten Koffer“ zumindest gedanklich wieder hervorgeholt.
Aber es gibt gravierende Unterschiede zwischen damals und heute:
Heute existiert der Staat Israel als Zufluchtsort für jeden in Bedrängnis geratenen jüdischen Menschen.
Daraus schöpfen die meisten Juden in der Diaspora den Mut und die Kraft, – trotz der antisemitischen Bedrohung – ihre jüdische Identität zu wahren und unbeirrt ihr Judentum zu leben.
Ein weiterer entscheidender Unterschied ist, dass wir heute in einer freien, offenen und demokratischen Gesellschaft leben, in der die Menschenwürde, die Religionsfreiheit und die Gleichheit jedes Einzelnen gesetzlich geschützt ist.
Ich kann daher zumindest für die Jüdische Gemeinschaft in Westfalen mit Bestimmtheit sagen:
Wir sind keineswegs bereit, den antisemitischen Kräften – von welcher Seite auch immer – das Feld zu überlassen.
Im Gegenteil:
Mit Unterstützung der Stadt haben wir erst vor kurzem eine Jüdische Grundschule in Dortmund eröffnet. Frau Präses Dr. Ruck-Schröder konnte bei ihrem Antrittsbesuch die neuen Schulräume schon bewundern.
Diese Neugründung ist ein starkes Zeichen, dass sowohl wir als auch die politischen Kräfte in Dortmund an eine Zukunft jüdischen Lebens glauben.
Klar ist aber auch:
Wir brauchen noch viel mehr Engagement und Unterstützung auch und gerade von Ihnen als Christinnen und Christen, um die bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungenen antisemitischen Ressentiments zurückzudrängen. Insoweit bedaure ich, dass ich zum Thema Antisemitismus bei dieser Synode keinen Programmpunkt entdecken konnte.
Im Programm gefunden habe ich einen Vortrag: „Die Evangelische Kirche von Westfalen auf dem Weg zu einer rassismussensiblen Kirche.“
Sicher auch ein wichtiges Thema.
Verehrte Anwesende,
ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche allen Teilnehmenden eine erfolgreiche synodale Woche,
Gottes Segen und Schalom.
Gesamtblick auf die Synode / Foto: EKvW