Chanukka unter Polizeischutz
Im europäischen Kalender stehen Chanukka und Weihnachten fast immer nebeneinander. Jahr für Jahr begegnen sie sich im selben winterlichen Zeitraum – Feste des Lichts, die aus unterschiedlichen Traditionen stammen, sich jedoch an dasselbe menschliche Grundbedürfnis richten: an die Hoffnung.
„Chanukka steht für den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, des Guten über das Böse, des Glaubens über den Zweifel“, mit diesen Worten begrüßte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, die zahlreichen Gäste, die sich in der Synagoge Recklinghausen zum Lichterfest versammelt hatten. „Möge dieses Fest uns daran erinnern, dass selbst in den dunkelsten Zeiten ein kleiner Funke des Glaubens der Anfang eines großen Wunders sein kann“, sagte er mit Blick auf die Vertreter*innen politischer Parteien, gesellschaftlicher Organisationen sowie verschiedener Religionsgemeinschaften.
Mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Chanukkafestes betonte der Bürgermeister der Stadt Recklinghausen, Axel Tschersich, dass die Existenz einer jüdischen Gemeinde in der Stadt für ihn kein Wunder, sondern eine Selbstverständlichkeit sei. „Sie ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der Stadtgesellschaft, ihres sozialen und kulturellen Lebens“, unterstrich er.
Die stellvertretende Landrätin Martina Eißing erinnerte in ihrem Grußwort an den Anschlag während einer Chanukkafeier in Sydney und versicherte die Anwesenden der uneingeschränkten und unerschütterlichen Solidarität mit dem jüdischen Volk. „An diesem freudigen Lichterfest kämpfen wir gemeinsam nicht nur gegen die Dunkelheit. Wir kämpfen vor allem gegen die Dummheit“, sagte sie und meinte damit Antisemitismus als Ausdruck geistiger und moralischer Verhärtung.
Grußworte und Glückwünsche überbrachten auch Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche, mit denen die Gemeinde seit vielen Jahren vertrauensvolle und stabile Beziehungen pflegt.
Nach dem Gebet an der Chanukkia wurden feierlich vier Kerzen entzündet.
Im Anschluss an den offiziellen Teil waren die Gäste zu einem festlichen Abendessen eingeladen. Der Abend wurde durch den Auftritt der Vokalgruppe der Gemeinde sowie durch jüdische Lieder und Tänze in der Darbietung von Gemeindemitgliedern bereichert. Die Feier war von einer warmen, herzlichen Atmosphäre geprägt und zeichnete sich durch ein hohes organisatorisches Niveau aus.
Gleichzeitig fand das Chanukkafest der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen unter deutlich verstärktem Polizeischutz statt – eine Realität unserer Zeit. Antisemitische Einstellungen sind in der deutschen Gesellschaft tief verwurzelt, und die Bedrohung jüdischen Lebens im Land bleibt auf einem alarmierend hohen Niveau. Historische Vergleiche drängen sich auf, auch wenn man sie vermeiden möchte. Aus der Geschichte der Gemeinde ist bekannt, dass sich ihr Gebäude im Jahr 1938 in unmittelbarer Nähe des städtischen Polizeipräsidiums und der Feuerwehr befand. Weder die Nähe der Behörden noch ihre Präsenz konnten die Synagoge vor Zerstörung oder die jüdische Bevölkerung vor ihrem tragischen Schicksal bewahren.
Vor fünfzehn Jahren berichtete ein Stadtführer während eines Rundgangs durch Recklinghausen: „Zeitzeugen erinnerten sich daran, dass einige Feuerwehrleute beim Anblick der brennenden Synagoge weinten, weil es ihnen verboten war, sie zu löschen. Für sie war es ein städtisches Gebäude wie jedes andere.“ Die Pogromnacht markierte den Zusammenbruch der Demokratie und zugleich dessen grausame Zuspitzung. Die Erinnerung daran muss uns eine eindringliche Warnung sein.
Der heutige Antisemitismus ist ein Symptom tiefgreifender gesellschaftlicher Fehlentwicklungen und ein alarmierendes Signal für Angriffe auf demokratische Freiheiten. Der Kampf gegen Antisemitismus ist daher nicht allein Aufgabe der Sicherheitsbehörden, sondern eine Bewährungsprobe für die gesamte demokratische Ordnung. Angesichts der aktuellen Entwicklungen müssen alle progressiven Kräfte der Gesellschaft – Menschen aller Nationalitäten und Religionen – mobilisieren, um die grundlegenden demokratischen Werte zu verteidigen.
Licht ist keine passive Hoffnung, sondern aktives Handeln. Ja, das Licht wird die Dunkelheit besiegen. Aber nur dann, wenn wir es gemeinsam entzünden. Die Verantwortung dafür trägt jede und jeder von uns.
Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen
Foto: Archiv der Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen