Von Recklinghausen nach Riga

In den Städten im Vest erinnern zahlreiche Stolpersteine an das Schicksal deportierter Juden.
In Riga stehen ihre Namen auf einer riesigen Gedenktafel im dortigen Ghetto-Museum

Seit Mitte der 90er-Jahre verlegt Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine. In vielen Städten in ganz Deutschland findet man die kleinen goldschimmernden Quadrate, die der Künstler zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf Gehwegen und Bürgersteigen im Pflaster platziert. Auch im Kreis Recklinghausen halten sie die Erinnerung wach.

Demnig verlegt die Stolpersteine vor den einstigen Wohnhäusern der Menschen, die von den Nazis aus ihrer Heimat gerissen wurden und dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Bis heute hat der Künstler mehr als 100.000 Stolpersteine in über 30 Ländern in Europa ins Gehwegpflaster eingelassen

Auch im Vest weisen Stolpersteine auf die Schicksale der verschleppten Bürger hin: in Castrop-Rauxel, Datteln, Dorsten, Gladbeck, Haltern am See, Herten, Marl, Recklinghausen, Waltrop – und seit dem 11. Dezember 2025 auch in Oer-Erkenschwick, wo Gunter Demnig persönlich an der Stimbergstraße die Erinnerungssteine für Agatha, Leo und Mathilde Bock ins Pflaster einsetzte.

Stolpersteine in der Bochumer Straße 73 in Recklinghausen

In anderen Städten gibt es sie sogar an mehreren Adressen. Eine davon befindet sich in der Bochumer Straße 73 in Recklinghausen. Dort liegen die Stolpersteine für Gerd Aron, Kurt Aron, Minna Aron (geborene Saalberg) und Clara Saalberg. Im Anschluss an eine Gedenkveranstaltung im Theodor-Heuss-Gymnasium wurden sie am 15. August 2022 vom damaligen Bürgermeister Christoph Tesche verlegt. Zu Ehren ihrer Familienmitglieder waren auch ihre Angehörigen eigens aus England und Israel angereist und gaben der Zeremonie einen ehrenvollen Rahmen.

Viele Opfer der Nazi-Diktatur wurden im Januar 1942 unter unmenschlichen Bedingungen aus dem Vest nach Riga und von dort weiter in mehrere Konzentrationslager deportiert. In der lettischen Hauptstadt erinnert das Rigaer Ghetto-Museum an das grausame Schicksal der Juden, die über Riga in ihren Tod geschickt wurden. Das Museum befindet sich nur wenige hundert Meter von der Rigaer Altstadt entfernt. Ein ebenso erdrückendes wie eindrucksvolles Mahnmal.

Die Stolpersteine in der Bochumer Straße 73 in Recklinghausen

Dauerausstellungen zeigen jüdisches Leben und Kultur. Im Zentrum des Ghetto-Museums steht ein Eisenbahnwaggon, der einen Eindruck vermittelt, auf welch unfassbare Weise die Juden geradezu abtransportiert wurden und es tagelang auf engstem Raum zusammengedrängt aushalten mussten.

Einblicke aus dem Rigaer Ghetto-Museum

Minna Aron kehrt nach Recklinghausen zurück

Durch das Museum zieht sich eine weiße Gedenkwand. Auf ihr stehen die Namen der 25.000 Juden, die nach Lettland verschleppt und nach einigen Monaten ab Riga auf mehrere KZs verteilt wurden – darunter sind auch Clara Saalberg, Gerd, Kurt und Minna Aron, die die Shoah überlebte, nach Recklinghausen zurückkehrte, sich in ihrer Heimatstadt beim Neuaufbau der Jüdischen Kultusgemeinde engagierte und von 1958 bis 1978 deren Vorsitzende war.

Wie die Stolpersteine in Deutschland und Europa macht auch die rund 50 Meter lange Gedenkwand in Riga mit den Namen der Opfer jedes einzelne Schicksal greifbar. Das Ghetto-Museum ist ein Ort, dessen Besuch unter die Haut geht – weil es einerseits den Tod präsent macht, aber gleichzeitig für Respekt, Toleranz und Leben steht.

Artikel und Fotos von Ralf Rudzynski