Nachruf auf Ruth Weiss ז״ל

Haus des Nachrufs – בית ההספד,
Jüdischer Friedhof Einsteinstraße,
15. September 2025 / כ״ב באלול תשפ״ה

Ein Leben für Frieden, Gerechtigkeit und Erinnerung

Wir sind erfüllt von tiefer Trauer – und zugleich mit großer Dankbarkeit – und würdigen in diesem Nachruf das Leben einer jüdischen Frau, die ihr Dasein der Aufklärung, der Versöhnung und der Gerechtigkeit gewidmet hat.

Ruth Weiss war mehr als eine Zeitzeugin – sie war eine unermüdliche Kämpferin gegen Unrecht, eine Stimme der Versöhnung, eine Lehrerin der Erinnerung und eine Brückenbauerin zwischen den Kulturen.

Ihr Lebensweg führte sie durch viele Länder, oft nicht aus freien Stücken, sondern weil die Geschichte sie dazu zwang. Geboren in Deutschland, wurde sie als jüdisches Kind mit ihrer Familie durch die Nationalsozialisten in die Flucht getrieben. Südafrika bot ihr eine neue Heimat, doch dort wurde sie erneut Zeugin von Ausgrenzung, Diskriminierung und systematischem Unrecht. Sie nahm den Kampf gegen Apartheid auf – setzte sich mit all ihrer Kraft für Gerechtigkeit ein, wurde eine unerschrockene Journalistin und Chronistin des Widerstands gegen Unterdrückung.

Ruth Weiss beließ es nicht beim Beobachten – sie handelte. Sie lehrte, sie schrieb, sie klärte auf. Ihr Ziel war nicht nur, die Vergangenheit zu dokumentieren, sondern eine bessere Zukunft zu gestalten.

Ihre unzähligen Bücher, Essays und Vorträge, ihre unermüdliche Arbeit mit Jugendlichen, insbesondere an Schulen, ihre Besuche als Zeitzeugin auch in Deutschland – all das diente dem einen Ziel: die nächste Generation zu ermutigen, wachsam zu sein, gegen Ungerechtigkeit einzustehen und für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der niemand wegen seiner Herkunft, Religion oder Hautfarbe ausgegrenzt wird.

Ruth Weiss wusste, dass Frieden kein Zustand ist, der einfach gegeben wird – er muss täglich errungen, verteidigt und gelebt werden. Ihre Arbeit für den interkulturellen Dialog, ihre Rolle als Vermittlerin zwischen Afrika und Europa, ihre tiefe Überzeugung, dass Bildung der Schlüssel zur Verständigung ist, machten sie zu einer der wichtigsten Stimmen für Menschenrechte und Toleranz.

Im Jahr 2005 wurde Ruth Weiss für den Alternativen Nobelpreis nominiert – eine Anerkennung ihres jahrzehntelangen Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und Völkerverständigung. Für ihre großen Verdienste im Kampf gegen Rassismus und Faschismus, vor allem auch gegen das Apartheidsregime in Südafrika, wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz und 2007 mit dem Goldenen Kleeblatt der Stadt Fürth ausgezeichnet.

Doch Ruhm oder Auszeichnungen waren nicht das, was sie antrieb. Es war ihr tiefer Glaube daran, dass Worte die Welt verändern können – wenn sie mit Überzeugung, mit Herz und mit Integrität gesprochen werden.

Mit ihrer Kraft, ihrem Geist und ihrer Warmherzigkeit hat Ruth Weiss unzählige Menschen inspiriert. Ihre Worte klangen nicht nur nach, sie hatten die Macht, Menschen zu verändern. Sie wusste, dass Erinnerung allein nicht reicht, sondern dass sie mit einer Verpflichtung einhergeht: die Verpflichtung, aus der Geschichte zu lernen und für eine Welt einzutreten, in der Hass und Vorurteile keinen Platz haben.

Ruth Weiss hat uns ein Vermächtnis hinterlassen: das Vermächtnis des Dialogs, des Friedens, der Menschlichkeit.

Ihr Wirken endet nicht mit ihrem Tod – es lebt in den unzähligen Begegnungen weiter, in den Schülern, die sie inspiriert hat, in den Büchern, die sie geschrieben hat, und in der Hoffnung, die sie in die Welt getragen hat.

Mit diesem Nachruf gedenken wir Ruth Weiss ז״ל in Dankbarkeit und Respekt.

Ihre Stimme mag verstummt sein, doch ihr Lebenswerk wird bleiben.

Möge G-tt ihre Familie zusammen mit allen Trauernden Zions und Jerusalems trösten.

המקום ינחם אתכם בתוך שאר אבלי ציון וירושלים

Sharon Fehr, Ehrenvorsitzender und Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Münster
Foto: privat_Martinushaus ABG