Chanukka in Münster
Unter dem Eindruck des Anschlags von Sydney
Unter dem Eindruck des schrecklichen Gewaltverbrechens am weltberühmten Bondi Beach in Sydney, bei dem Terroristen während einer Chanukka-Feier gezielt Menschen angriffen, sechzehn Menschen ermordet und etwa vierzig weitere – zum Teil schwer – verletzt wurden, versammelten sich am Sonntagnachmittag, dem 14. Dezember 2025, um 16:00 Uhr Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (CJZ) und Bürger/innen der Stadtgesellschaft Münster auf dem Maria-Euthymia-Platz.
v.l.n.r.:
Pfarrer Martin Mustroph, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit;
Dr. Karina Hoensbroech, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster;
Tilman Fuchs, Oberbürgermeister für Münster
Foto: Ulrich Coppel / WN Münster
Im Beisein des neuen Oberbürgermeisters der Stadt Münster, Tilman Fuchs, der 1. Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Münster, Frau Dr. Karina Hoensbroech, sowie Vertreterinnen und Vertretern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wurde dort das erste Chanukka-Licht entzündet. Weit mehr Menschen als erwartet waren gekommen, um nach diesem Akt terroristischen Bösen ihre Anteilnahme, ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit der jüdischen Community zum Ausdruck zu bringen.
v.l.n.r.:
Tilman Fuchs, Oberbürgermeister für Münster;
Dr. Karina Hoensbroech, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster;
Pfarrer Martin Mustroph, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit;
Yotam Alon, Kantor der Jüdischen Gemeinde Münster
Foto: Ulrich Coppel / WN Münster
Die hasserfüllten Worte und Parolen, die insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 auf den Straßen, in sozialen Netzwerken und auf Demonstrationen zu hören sind – das Schwenken von Flaggen, die Rufe nach „From the River to the Sea“ (מן הנהר עד לים) oder die offene Forderung, die Intifada nach Europa zu tragen – haben sich in diesem Terroranschlag auf grausame Weise in Realität verwandelt.
Vor diesem Hintergrund wurde unser Lichterfest Chanukka, das an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels, des Beit HaMikdash (בית המקדש), im Jahr 164 v. d. Z. erinnert, Ziel eines mutmaßlich über längere Zeit geplanten antisemitischen Gewaltverbrechens.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war der Zuspruch zum Entzünden des ersten Chanukka-Lichtes mitten in der Stadt Münster so groß: Nach Schätzungen versammelten sich bis zu 200 Bürgerinnen und Bürger an dem von der Polizei stark gesicherten Ort.
Dass dieses terroristische Gewaltverbrechen ausgerechnet an Chanukka verübt wurde, ist kein Zufall. Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir weltweit ein gesellschaftliches Klima, in dem Antisemitismus wieder offen hervortritt – häufig getarnt als vermeintlich legitime „Israelkritik“.
Gerade im akademischen Raum, der sich selbst als Ort der Aufklärung und des freien Denkens versteht, beobachten wir seit Monaten auch in Münster eine besorgniserregende Entwicklung: Hörsäle werden zu Bühnen ideologischer Hetze, Universitätsgebäude zu Projektionsflächen einseitiger propalästinensischer Parolen, und jüdische Studierende, Mitglieder unserer Jüdischen Gemeinde berichten uns, dass sie nur noch in Gruppen auftreten, weil sie sich allein nicht mehr sicher fühlen – nicht einmal in der Mensa oder in der Bibliothek.
Israelbezogener Antisemitismus tritt dabei oft im Gewand vermeintlicher moralischer Überlegenheit auf. Er äußert sich in Boykottaufrufen, in der Delegitimierung unseres jüdischen Staates und darin, dass Schuld nicht politischen Akteuren, sondern Juden insgesamt zugeschrieben wird. Unter der scheinbar harmlosen Formel „man wird doch noch sagen dürfen“ werden antisemitische Ressentiments normalisiert, historische Zusammenhänge verzerrt und kollektive Schuldzuweisungen salonfähig gemacht.
Das ist kein politischer Diskurs. Kritik an konkretem Regierungshandeln ist legitim – die Dämonisierung Israels und die kollektive Verantwortlichmachung von Juden für den komplexen Nahost-Konflikt sind es nicht. Wo Israel zum moralischen Sündenbock erklärt wird, kippt Kritik in Hass.
Chanukka steht für das Beharren auf Licht gegen die Dunkelheit, für Widerstand gegen Unterdrückung und für geistige wie religiöse Selbstbehauptung. Dass ausgerechnet dieses Fest Ziel antisemitischer Gewalt wurde, macht unmissverständlich deutlich: Es geht nicht um Politik. Es geht um Judenhass. Und diesem Hass darf weder mit Schweigen noch mit Relativierung begegnet werden.
Von den Lichtern der Chanukkia in Münster geht zugleich – im Wunsch unserer Gemeindemitglieder – die Botschaft in die Welt hinaus, dass unser Chanukka-Licht den Familien, Angehörigen und Freundinnen und Freunden der Opfer in Sydney Trost spenden möge.
In ihren Grußworten hoben die 1. Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Frau Dr. Karina Hoensbroech, Oberbürgermeister Tilman Fuchs sowie Pastor Martin Mustroph, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e. V., übereinstimmend die besondere Bedeutung des Chanukka-Lichtes gerade in schwierigen und verunsichernden Zeiten hervor.
Sie betonten, dass das Entzünden der Lichter weit über einen religiösen Ritus hinausgehe: Es sei ein sichtbares Zeichen der Hoffnung, der Standhaftigkeit und des gemeinsamen Einsatzes gegen Hass und Ausgrenzung – getragen von Solidarität innerhalb der Stadtgesellschaft.
Einen besonders eindrucksvollen Moment bildete die Rezitation der traditionellen Segenssprüche über das erste Chanukka-Licht durch den Kantor unserer Jüdischen Gemeinde Münster, Yotam Alon. Mit seiner ausgebildeten Baritonstimme und den jahrtausendealten Melodien verlieh er dem Entzünden des ersten Chanukka-Lichtes eine besondere Tiefe und Würde.
Die Segenssprüche machten spürbar, dass Chanukka nicht nur Erinnerung an vergangene Bedrohungen ist, sondern gelebte jüdische Gegenwart – ein bewusstes Festhalten am Licht, gerade dort, wo Dunkelheit spürbar geworden ist.
Wir lassen uns dieses Licht nicht nehmen.
CHAG CHANUKKA SAMEACH ! חג חנוכה שמח
Sharon Fehr, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Münster