So antwortet das Licht

Am ersten Tag des Chanukka‑Festes beschlossen die Jugendlichen des Kinder‑ und Jugendzentrums „Agada“, den Mitgliedern der Gemeinde, die die Schrecken der Schoa überlebt haben, ihre selbstgemachten Chanukka‑Dekorationen zu überreichen und ihnen damit ein frohes Fest zu wünschen. Die älteren Menschen, oft im Kontakt zur Außenwelt eingeschränkt, empfingen die Gäste mit großer Freude. Gäste und Gastgeber schenkten einander das Licht und die Wärme ihrer Herzen. Denn für Juden auf der ganzen Welt ist Chanukka eine glückliche Zeit des spirituellen Lichts, des Guten und der menschlichen Wärme. Über solche einfachen, aber wichtigen Dinge sollte man in den Tagen von Chanukka schreiben. Doch das Leben macht seine eigenen, bitteren Korrekturen.

Gerade an diesem Tag, dem 14. Dezember 2025, ereignete sich in Sydney, Australien, ein schrecklicher antisemitischer Terroranschlag während einer Chanukka‑Feier am Bondi Beach. Mindestens 15 Menschen wurden getötet und mehr als 40 verletzt. Darunter war auch der 87‑jährige Holocaust‑Überlebende Alex Kleytman, der mit seiner Frau aus der Ukraine nach Australien ausgewandert war und dort sesshaft geworden war. Beim Angriff nahm das Paar, wie viele andere, an der Veranstaltung „Chanukah by the Sea“ teil, um die erste Chanukka‑Kerze zu entflammen. Kleytman starb, als er versuchte, seine Frau vor den Schüssen zu schützen – ein letzter Akt der Liebe und des Mutes.

„Unser Mitgefühl und unsere Trauer über diesen tragischen Anschlag erfüllen unsere Herzen. Wir trauern mit den Betroffenen und sprechen ihnen unser tief empfundenes Beileid und Mitgefühl aus. Aber Chanukka muss eine Zeit der Freude und des Feierns bleiben. Es ist das Fest des Lichts, das den Triumph des Glaubens über Gewalt, des Geistigen über das Materielle, des Ewigen über das Vergängliche symbolisiert. Und das dürfen wir niemals vergessen.“

Im Yad Vashem Holocaust‑Museum wird eine Chanukkia ausgestellt, die 1933 aus der Stadt Kiel nach Jerusalem gebracht wurde. Ihre Geschichte ist bemerkenswert – eine Geschichte von Stärke, Glauben und der Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Während des Chanukka-Festes im Jahr 5692 (1932), kurz vor den Wahlen, durch die Adolf Hitler an die Macht kommen sollte, machte Rachel Posner, die Ehefrau des Rabbiners Dr. Akiva Posner, dieses Foto. Sie fotografierte eine Chanukkia auf einer Fensterbank vor dem Gebäude gegenüber, das mit nationalsozialistischen Flaggen geschmückt war. Auf der Rückseite des Fotos schrieb Rachel Posner prophetisch:

Chanukkah 5692 (1932)
„Juda verrecke“,
die Fahne spricht –
„Juda lebt ewig!“,
erwidert das Licht.
(Dieses Foto wird ebenfalls im Museum aufbewahrt).

Der Chanukkah-Leuchter der Familie Posner

Der Chanukkah-Leuchter der Kieler Familie Posner

Rückseite der Fotografie des Chanukkah-Leuchters der Familie Posner aus Kiel

Rabbi Posner, empört über Plakate mit der Aufschrift „Juden ist der Zutritt verboten“, veröffentlichte einen Protestbrief in der lokalen Presse und wurde daraufhin verfolgt. Die Lage im Land und in der Stadt verschlechterte sich rasant. Die Familie verließ Deutschland 1933 und emigrierte nach Eretz Israel. Vor der Abreise konnte Posner viele Gemeindemitglieder überzeugen, ebenfalls auszuwandern – vielen von ihnen gelang so die Rettung.

Die Familie Posner übergab die Chanukkia und das Foto als Schenkung an das Yad Vashem‑Museum, wo sie heute in der Dauerausstellung des Holocaust‑Geschichtsmuseums gezeigt werden. Viele Jahre später holen die Nachkommen von Akiva und Rachel Posner die Reliquie an den Chanukka‑Tagen nach Hause, damit sie ihnen Licht und Wärme schenkt. So lebt das Chanukka‑Wunder weiter.

Rabbi Dr. Akiba Posner, seine Frau Rahel und seine drei Kinder bei der Abfahrt vom Kieler Bahnhof 1933: (v.r.n.l.) Avraham Chaim, Tova und Shulamit

Rabbi Dr. Akiba Posner nach seiner Ankunft in Eretz Israel

Das Wunder mit dem Öl dauerte acht Tage. Aber das Wunder des jüdischen Überlebens – die Fähigkeit, seine Identität, seinen Glauben und seine Kultur trotz jahrhundertelanger Verfolgung zu bewahren – ist ein Wunder, das schon tausende Jahre andauert. Jede entzündete Chanukkia in unserer Zeit ist eine Fortsetzung jenes Lichts, das nicht erlosch. Es ist ein Akt des Widerstands gegen Dunkelheit, Vergessen, Verzweiflung und Unglauben.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen
Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen