Mit Glauben und Hoffnung
Alljährlich am ersten Sonntag im November versammeln sich Mitglieder und Freunde der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen auf dem Gemeindefriedhof, um der Jüdinnen und Juden zu gedenken, die 1942 aus Recklinghausen in das Ghetto Riga deportiert wurden.
Am 3. November 1943 wurde das Ghetto zerstört: Ein Teil der Häftlinge wurde unmittelbar ermordet, die meisten der Überlebenden in andere Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nur wenigen gelang es, diese Verbrechen zu überleben. Zu ihnen gehörten Mina Aron, Martha De Vries und Rolf Abrahamsohn – ihre Lebensgeschichten sind untrennbar mit der Geschichte unserer Gemeinde verbunden und klingen bis heute schmerzhaft in unseren Herzen nach.
Dieser Schmerz wird in den vergangenen Jahren durch den spürbaren Anstieg des Antisemitismus noch verstärkt. In seiner Ansprache erinnerte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, daran, dass Deutschland lange als ein Land galt, das sich seiner historischen Schuld bewusst ist und die Verbrechen der Vergangenheit nicht vergisst. Die gegenwärtige Realität jedoch gebe Anlass zur Sorge: Jüdinnen und Juden hätten erneut Angst, ihren Glauben offen zu leben. Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland rund 8.600 antisemitische Vorfälle registriert. Für solche Entwicklungen dürfe es in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz geben.
„Gleichgültigkeit bedeutet Mittäterschaft. Das jüdische Volk braucht Solidarität und Unterstützung“, betonte Gutkin.
Diese Solidarität wurde durch die Anwesenheit zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft sichtbar: Der Recklinghäuser Bürgermeister Axel Tschersich, Bürgermeister benachbarter Städte, Vertreter der Polizei, der Kreisverwaltung sowie anderer Religionsgemeinschaften nahmen ebenso an der Gedenkfeier teil wie Landrat Bodo Klimpel. In seiner Rede unterstrich der Bürgermeister: „Unsere Anwesenheit hier ist kein formaler Akt, sondern ein bewusstes Zeichen. Das Ignorieren der Shoah untergräbt die Grundlagen unserer Demokratie.“
Auch Mark Rosendahl, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region Emscher-Lippe, sprach über die Verantwortung der Gesellschaft, antisemitischer Rhetorik entschieden entgegenzutreten. „Wir dürfen nicht schweigen – wir müssen widersprechen“, sagte er. Der Anstieg des Antisemitismus sei nur eines von mehreren Symptomen einer zunehmenden Verrohung des gesellschaftlichen Klimas, die von bestimmten politischen Kräften gezielt befördert werde.
Alle Rednerinnen und Redner bezogen klar Stellung gegen das Schüren von Hass und gegen jede Form von Diskriminierung. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von Ernest Blochs Vidui aus dem Zyklus Baal Shem – Drei Bilder aus dem Leben der Chassidim, interpretiert vom Geiger Misha Nodelman. Die Gedenkzeremonie wurde von Kantor Isaac Tourgman geleitet. Zum Abschluss erinnerte er daran, dass der jüdische Glaube stets von der Hoffnung auf einen besseren Morgen getragen sei. „Und Sie“, wandte er sich an die Anwesenden, „sind unsere Hoffnung.“
Diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Ein sichtbares Zeichen dafür ist die israelische Flagge, die seit dem 7. Oktober 2023 vor dem Rathaus der Stadt gehisst ist. Ein weiteres Zeichen setzte eine jüngste Aktion von Schülerinnen und Schülern mehrerer Recklinghäuser Schulen, die gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich und der Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen Stolpersteine reinigten.
Am 4. November 2025 kamen sie zusammen, um diese Steine der Erinnerung zu pflegen – Mahnmale, die das Gedenken an die Opfer der Shoah wachhalten und verhindern, dass Geschichte in Vergessenheit gerät oder umgedeutet wird.
Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen
Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen