Das Brot der Wüste

Beinahe ein Midrash

Die Wüste war ganz anders, als Shmulik sie sich vorgestellt hatte. Sie lag rings um das Lager – endlos, gelb, unbeweglich. Es schien, als würde sie den Menschen zuhören. Am Tag verbrannte sie die Füße, in der Nacht kühlte sie den Atem, und der Wind rauschte, als ginge jemand Riesiges zwischen den Zelten umher und versuche, unbemerkt zu bleiben. Die Menschen begannen, weniger zu sprechen. Der Hunger machte die Stimmen scharf und die Gesichter fremd. Die Kinder hörten auf zu spielen. Die Erwachsenen blickten immer häufiger in Richtung Ägypten.

„In Ägypten gab es wenigstens Fleisch …“, flüsterten sie an den Feuern. „Die Kessel kochten. Wir werden hier sterben.“
Etwas zog die Menschen zurück – dorthin, wo die Ketten gewesen waren. Shmulik und Minkah zogen schon viele Tage mit dem Lager. Die Essensvorräte waren fast aufgebraucht.
„Ich träume ständig von Brot“, gestand Minkah eines Tages und leckte vorsichtig über seine aufgesprungenen Lippen. „Groß, warm … Ich wache auf – und im Mund ist nur Sand.“
Shmulik antwortete nicht. Auch er hatte solche Träume. Die Bäuche schmerzten, die Gedanken verwirrten sich, und selbst die Sterne erschienen fern und gleichgültig.

Plötzlich sagte Minkah:
„Er ist wieder hier.“
„Wer?“
Minkah antwortete nicht sofort. Er nickte nur in die Nacht hinaus.

Draußen kroch zwischen den Zelten langsam ein Schatten – nicht von einem Stein, nicht von einem Menschen; lang, schwankend, als wäre er lebendig.
„Das ist der Hunger“, sagte Minkah traurig. „Er kommt vor dem Tod, um die Herzen zu erschrecken, und lauscht auf Schwäche und Zweifel.“

Am Abend erhob sich ein Murren im ganzen Lager. Die Menschen erinnerten sich an ihr früheres Leben vor dem Auszug. Die Stimmen wurden lauter, böse Worte flogen wie Steine.

Und plötzlich bebte die Luft. Zuerst ein fernes Geräusch.
„Ein Sturm!“, riefen die Menschen. Doch es war kein Sturm.
Der Himmel verdunkelte sich, als hätte man über dem Lager einen riesigen Rabenschwingen ausgebreitet.
Wachteln! Tausende Vögel fielen direkt ins Lager, müde und schwer, als gäben sie sich selbst in die Hände der Menschen. Die Israeliten fingen sie voller Freude, doch Shmulik spürte plötzlich eine seltsame Unruhe.
„Warum habe ich Angst?“, flüsterte er.
Minkah zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht … weil dem Menschen selbst ein Wunder nicht genug ist.“
Essen! Es schien, als reichten die Flammen der Feuer bis zum dunklen Himmel, und der Geruch von gebratenem Fleisch erfüllte die Gegend – dicht und wild.

Neben dem Zelt der Jungen blieb eine Frau stehen. Jung, aber sehr müde. Auf ihren Armen hielt sie einen etwa sechsjährigen Jungen – schmal, mit großen, aufmerksamen Augen.

„Dürfen wir hier bleiben?“, fragte sie schüchtern.
„Natürlich“, antwortete Shmulik sofort und teilte das fertige Fleisch in Portionen.
„Ich heiße Lea. Und das ist Joel.“
Joel sah die Freunde aufmerksam an.
„Mama sagt, ihr habt keine Angst“, erklärte er ernst.
Minkah lächelte.
„Wir gehen einfach weiter. Zum Fürchten bleibt keine Zeit.“
Lea und Joel saßen bis zum Morgen bei ihnen. Es war ihnen wichtig, Kinderstimmen zu hören – lebendig, eigensinnig, ungebrochen. Manchmal sah sie Shmulik an, als wolle sie etwas fragen, wagte es aber nicht.

Als im Morgengrauen allen die Augen vor Müdigkeit zufielen, erklangen erstaunte Rufe im Lager: „Was ist das?! So etwas haben wir noch nie gesehen!“
Die ganze Erde war weiß – nicht vom Sand, nicht vom Schnee und nicht vom Salz. Hell wie Koriandersamen lag das Manna überall, süß duftend, als wäre die Wüste über Nacht ergraut.
„Sammelt davon, aber nur für einen Tag“, sagte Mose, der mit geheimnisvollem Lächeln zwischen den Zelten umherging. „Nicht mehr. Der Allmächtige gibt euch Brot vom Himmel.“
Shmulik kostete das Manna aus seiner Hand, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Milch …“, flüsterte er. „Als würde meine Mutter mich wieder im Arm halten.“
„Und für mich ist es Brot!“, staunte Minkah.
Neben ihnen weinte ein alter Mann: „Honigsüße Festfladen …“
„Jedem sein Trost“, sagte Lea erstaunt.
Joel, ganz mit weißen Krümeln bedeckt, aß langsam und sah sich dabei ständig um.
„Heute Nacht wird er nicht kommen“, sagte der Junge sicher.
„Wer?“, fragte Minkah.
„Der, der umherging. Er hat hier nichts mehr zu suchen.“

Doch die Angst lebte noch in den ausgehungerten Menschen. Heimlich sammelte Lea mehr Manna als erlaubt und wickelte es in ein Tuch. Shmulik bemerkte es.
„Warum tust du das?“
Sie wurde verlegen.
„Ich habe ein Kind. Und wenn morgen kein Essen da ist?“

Am Morgen öffnete Lea das Bündel und schrie auf. Das Manna war schwarz geworden, zerfallen, und ein schwerer Geruch ging davon aus. Shmulik umarmte die junge Frau und sagte sanft: „In der Wüste kann man nicht von Vorräten leben. Der Vater gibt uns jeden Tag genau so viel, wie wir brauchen, damit wir keinen Mangel leiden.“
An diesem Tag befahl Mose, ein Omer Manna aufzubewahren – für die kommenden Generationen, damit die Menschen sich an das Brot der Wüste erinnern, mit dem der Allmächtige sie auf dem Weg ernährte. Vierzig Jahre lang aßen die Kinder Israels das Manna, bis sie die Grenzen Kanaans erreichten.

***

Shmulik, Minkah und Joel saßen am Rand des Lagers im Sand und beobachteten die ferne Wüstenluft, die im Flimmern seltsame Tiere zeichnete. Mose, der vorbeiging, strich den Jungen durch die abstehenden Haarwirbel, beugte sich zu ihnen und sagte lächelnd: „Ihr werdet nie erraten, wohin das geschmolzene Manna fließt. Die Bäche erreichen die Tiere, die ihr jetzt seht. Es ist kein Trugbild. Durch das Fleisch dieser Tiere werden auch andere Völker den sanften Geschmack des Manna kosten und vom Wunder erfahren, das die Israeliten begleitet.“

Mose ging weiter, und Joel, der in den letzten Tagen wieder zu Kräften gekommen war, sprang mit einem fröhlichen Ruf auf: „Kommt, wir spielen König des Berges!“

Die zu kleinen Hügeln aufgeschichteten flachen Steine flogen mit lautem Klappern auseinander – und mit ihnen zerfielen auch die Schatten der vergangenen Angst.

Niemand fürchtete mehr den morgigen Tag.

Tanja Lieberman
Illustratorin: Olena Fradina