Antisemitismus in NRW auf Höchststand

RIAS NRW dokumentiert 1.102 Vorfälle im Jahr 2025

Für viele Jüdinnen und Juden in Nordrhein-Westfalen war das Jahr 2025 erneut von der Erfahrung geprägt, dass Antisemitismus Teil ihres Alltags bleibt. Die von RIAS NRW dokumentierten Vorfälle zeigen, dass antisemitische Einstellungen und Handlungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen auftreten und sich zunehmend offen artikulieren. Antisemitismus begegnete Betroffenen im öffentlichen Raum, in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld, im digitalen Raum sowie im Zusammenhang mit politischen Versammlungen und öffentlichen Debatten.

Im Jahr 2025 dokumentierte RIAS NRW insgesamt 1.102 antisemitische Vorfälle. Damit wurde der höchste Stand seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2022 erreicht. Durchschnittlich wurden mehr als 21 Vorfälle pro Woche bekannt. Die Entwicklung verweist nicht nur auf die anhaltende Verbreitung antisemitischer Einstellungen, sondern auch auf eine zunehmende Enthemmung im Umgang mit antisemitischen Äußerungen und Handlungen.

Besonders besorgniserregend ist die Zunahme von antisemitisch motivierten Bedrohungs- und Gewalthandlungen. Körperliche Angriffe und Bedrohungen nahmen gegenüber den Vorjahren deutlich zu. So wurden RIAS NRW im Jahr 2025 32 antisemitisch motivierte Angriffe und 33 Bedrohungen bekannt. Antisemitismus äußerte sich damit nicht nur häufiger, sondern auch gewalttätiger und einschüchternder. Für viele Betroffene bedeutet dies eine wachsende Verunsicherung im Alltag. Sichtbare jüdische Identität, das Tragen religiöser Symbole oder die Teilnahme am jüdischen Gemeindeleben werden vielfach mit der Sorge verbunden, Ziel antisemitischer Anfeindungen zu werden.

Wie bereits in den Vorjahren stellte israelbezogener Antisemitismus in 68 % aller bekanntgewordenen Vorfälle einen zentralen Schwerpunkt des dokumentierten Vorfallgeschehens dar. Jüdinnen und Juden wurden mit Handlungen oder Entscheidungen des Staates Israel gleichgesetzt, kollektiv verantwortlich gemacht oder mit Feindbildern konfrontiert, die an traditionelle antisemitische Vorstellungen anknüpfen. Zahlreiche Vorfälle ereigneten sich vor dem Hintergrund öffentlicher Debatten über den Nahostkonflikt. Dabei richteten sich Anfeindungen häufig nicht gegen konkrete politische Positionen, sondern gegen jüdische Personen, Gemeinden und Institutionen.

Die dokumentierten Vorfälle verdeutlichen, dass Antisemitismus in unterschiedlichen politischen und ideologischen Milieus artikuliert wird. Neben Vorfällen mit rechtsextremem politisch-weltanschaulichem Hintergrund dokumentierte RIAS NRW antisemitische Vorfälle in links-antiimperialistischen und islamisch/islamistischen Kontexten sowie in Konstellationen, in denen verschiedene politische Ideologien, verschwörungsideologische Narrative und religiös oder politisch begründete antisemitische Feindbilder zusammentreffen. Antisemitische Ressentiments können sich dabei insbesondere im Rahmen antiisraelischer Mobilisierungen manifestieren.

Bildungsinstitutionen blieben auch 2025 relevante Tatorte antisemitischer Vorfälle. Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie Lehrkräfte berichteten in 141 Meldungen von antisemitischen Äußerungen, Schuldzuweisungen und Ausgrenzungen. Die 85 von ZeBA dokumentierten Vorfälle an Hochschulen verdeutlichen, dass antisemitische Erfahrungen auch an Universitäten, Fach- sowie Kunst- und Musikhochschulen weiterhin eine erhebliche Belastung darstellen. Antisemitismus kann dazu führen, dass Betroffene ihre jüdische Identität verbergen, bestimmte Räume meiden oder sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Er wirkt sich damit unmittelbar auf Teilhabe, Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl aus.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Vorfällen im digitalen Raum. Soziale Netzwerke und Messenger-Dienste ermöglichen die schnelle Verbreitung antisemitischer Inhalte und schaffen Räume, in denen Hass, Verschwörungserzählungen und antisemitische Feindbilder sichtbar werden. Online verbreitete Inhalte beeinflussen das gesellschaftliche Klima und können zur Normalisierung antisemitischer Einstellungen beitragen.

Der Jahresbericht macht deutlich, dass die dokumentierten Vorfälle nur einen Teil des tatsächlichen Geschehens abbilden. Viele Betroffene melden Vorfälle nicht, etwa weil sie Vorfälle als alltäglich wahrnehmen oder negative Konsequenzen befürchten. Die erfassten Fälle sind daher zugleich ein Hinweis auf ein weiterhin bestehendes Dunkelfeld.

Für Betroffene hat die Dokumentation antisemitischer Vorfälle eine besondere Bedeutung. Sie macht Erfahrungen sichtbar, die häufig relativiert, bestritten oder übersehen werden. Die Erfassung von Vorfällen schafft eine Grundlage, um Ausmaß und Erscheinungsformen von Antisemitismus zu erkennen, Entwicklungen zu beobachten und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Gleichzeitig dokumentiert sie die Perspektiven derjenigen, die unmittelbar von Antisemitismus betroffen sind.

Der Jahresbericht 2025 zeichnet insgesamt das Bild einer anhaltend angespannten Situation für jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen. Die steigenden Fallzahlen, die Zunahme von Gewalt und Bedrohungen sowie die Normalisierung antisemitischer Äußerungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen verdeutlichen die Notwendigkeit einer konsequenten Bekämpfung von Antisemitismus. Die Erfahrungen der Betroffenen zeigen, dass Antisemitismus kein Randphänomen ist, sondern eine gegenwärtige Herausforderung für die gesamte Gesellschaft darstellt.

Ihr RIAS NRW Team

Hintergrund: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) ist eine zivilgesellschaftliche Meldestelle für antisemitische Vorfälle. Bei RIAS NRW können sowohl antisemitische Straftaten als auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze gemeldet werden.

Die Erfassung erfolgt seit 2022 auf Grundlage der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft des Bundesverbands RIAS arbeitet RIAS NRW nach bundesweit einheitlichen Standards und Erfassungskriterien.

Mit den Jahresberichten zu antisemitischen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen macht RIAS NRW die Gesellschaft und Politik auf das Problem des Antisemitismus aufmerksam und ruft alle auf, sich dem entgegen zu stellen.

Seit August 2024 dokumentiert zudem die Zentrale Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen (ZeBA) antisemitische Vorfälle an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die von ZeBA erhobenen Daten und Analysen flossen in die Auswertung des Jahresberichts 2025 ein.

Der vollständige Jahresbericht kann kostenlos heruntergeladen werden unter:
https://report-antisemitism.de/annuals/#rias-nordrhein-westfalen

Haben Sie Antisemitismus erlebt oder sind Sie Zeugin oder Zeuge eines antisemitischen Vorfalls geworden, melden Sie uns den Vorfall unter:
www.rias-nrw.de