Die Geschichte meines lieben Vaters Kurt Neuwald sel. A.
Mein Vater wurde am 23.11.1906 als zweiter Sohn in eine der ältesten Familien Gelsenkirchens in die bürgerliche Welt des assimilierten deutschen Judentums hineingeboren. Er übernahm nach der Lehre das von seinem Großvater Isaak 1880 gegründete Bettengeschäft in der Arminstraße 15.
Kurt Neuwald, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe von 1965-1994 und anschließend dessen Ehrenvorsitzender
Als der Naziterror begann, fühlte sich die Familie sicher, denn sie waren ja „alte Gelsenkirchener“, führten das einzige Bettengeschäft in Gelsenkirchen und Kurts Vater Leopold hatte noch 1935 eine Verdienstmedaille für seine Dienste im Ersten Weltkrieg erhalten. Am 07.03.1939 heiratete mein Vater die aus Essen stammende Rosa Stern und schaute hoffnungsvoll in die Zukunft. Aber alle Träume endeten am 9. November 1938, wo nicht nur alle Synagogen, sondern auch alle jüdischen Geschäfte zerstört und jüdische Wohnungen und Praxen verwüstet wurden. Auch das Bettengeschäft wurde verwüstet, die Federn flogen durch die ganze Arminstraße! Der SS-Sturmbannführer, der mit seinen Leuten gerade das Bettengeschäft zerstört hatte, kam auch in die Wohnung meiner Großeltern Martha und Leopold und nachdem ihm meine Großmutter 100 Mark gegeben hatte, hat er die Wohnung dann glücklicherweise nicht auch noch zerstört. Mein Vater, meine Onkel und mein Großvater flohen vor den Nazi-Schergen durch den Hinterausgang des Hauses zunächst nach Köln, wo sie sich bei nichtjüdischen Freunden verstecken konnten, bis die Verhaftungswelle nach 8 Tagen vorbei war. Danach wurde das Haus zum „Judenhaus“ erklärt und meine Großeltern mussten kurzfristig die Zimmer räumen, damit weitere jüdische Familien einziehen konnten. Ihnen blieb nur ein Zimmer und die Benutzung der Küche zusammen mit allen anderen neuen Bewohnern. Meine Familie musste alle Wertsachen abgeben, wenn überhaupt etwas bezahlt wurde, dann nur lächerliche Beträge. Vieles wurde einfach beschlagnahmt. Mein Vater musste täglich 10 bis 12 Stunden Zwangsarbeit in einer Zeche leisten. Am 27.01.1942 wurde mein Vater in den frühen Morgenstunden zusammen mit seinen Eltern, seiner Ehefrau Rosa und seinem jüngeren Bruder Ernst vom Güterbahnhof in Gelsenkirchen zusammen mit mehr als 350 Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Riga deportiert. Sie bekamen von der Gestapo Listen, auf denen stand, was man alles mitnehmen sollte. Aber diese Sachen kamen nie an, die Waggons mit ihren Sachen wurden unterwegs abgehängt und die armen Menschen in den Viehwaggons kamen in Riga nur mit dem an, was sie am Körper trugen. Nach Ankunft im Ghetto Riga gab mein Vater vor, dass er KFZ reparieren könne und entging damit den diversen „Aktionen“ und dem großen Hunger und wurde im Heeres-Kraftwagenpark eingesetzt, wo er etwas bessere Verpflegung bekam. Der Kapo dort sah gleich, dass er keine Ahnung von Autos hatte, aber er verriet ihn nicht. Eines Tages entdeckte ihn ein früherer Angestellter aus dem Geschäft auf dem Ghetto-Hof, er war inzwischen SS-Mann geworden und für die Küche zuständig. Als er meinen halb verhungerten Vater sah, brachte er ihm einen Eimer Kartoffelschalen und mein Vater war ihm noch Jahrzehnte später dafür unendlich dankbar. Im September 1944 wurde das Ghetto aufgelöst und mein Vater kam in das KZ Riga. Er wurde von seiner Familie getrennt, kam zunächst in das KZ Stutthoff bei Danzig und im November 1944 in das KZ Buchenwald, Außenlager 1 Magdeburg. Dort musste er in einer Munitionsfabrik arbeiten, von SS-Leuten bewacht. Die amerikanischen Befreier standen schon jenseits der Elbe, das Kriegsende war nahe! Da sollten sie alle abtransportiert werden, um keine Zeugen für die Sieger zu hinterlassen. Aber plötzlich gab es einen Bombenalarm, die Flieger flogen dicht über die Gruppe der Häftlinge und der Bewachungsmannschaften, alle rannten umher. Nach dem Angriff wurden die Häftlinge alle eingesammelt und in den nahen Wäldern und auf den Hungermärschen erschossen. Mein Vater und sein Bruder Ernst hatten das Glück, ein Erdloch als Versteck zu finden, die Bewacher haben sie beim Zusammentreiben einfach übersehen. Nach 3 Tagen im Versteck wurden sie von den Amerikanern befreit. Mein Vater und mein Onkel kehrten zusammen mit knapp 30 alten Gelsenkirchener Juden und DP’s (Displaced Persons) zurück nach Gelsenkirchen, wo einstmals über 2.000 Juden gelebt haben. Von der 26-köpfigen Familie Neuwald kehrten nur Kurt und Ernst zurück, alle anderen sind ermordet worden.
Mein Vater wollte immer in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen bleiben, trotz alledem, weil er eben nicht wollte, dass Deutschland, dass Gelsenkirchen, „judenrein“ wird, wie Hitler es wollte. Er baute das Bettengeschäft in der Arminstraße 11 wieder auf, heiratete in zweiter Ehe Cornelia Basch, eine aus Auschwitz nach Gelsenkirchen deportierte jüdische Zwangsarbeiterin aus Sighet und 1948 wurde meine Schwester Margitta und 1959 wurde ich geboren.
Er gründete ein jüdisches Hilfskomitee, aus dem später die jüdische Kultusgemeinde Gelsenkirchen hervorging und war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Kultusgemeinden von Westfalen-Lippe.
Ebenso war er Mitbegründer des Zentralrates der Juden in Deutschland und gehörte zum Direktorium und war 20 Jahre lang ehrenamtlich Finanzdezernent. Er war Mitherausgeber der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“ und war stellvertretender Vorsitzender des jüdischen Gemeindefonds Nordwestdeutschland e.V.
Er hat sich auch in seiner Heimatstadt sehr engagiert und hat sich Zeit seines Lebens für die Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden und ein gutes und tolerantes Miteinander eingesetzt.
Mein Vater hat viele Auszeichnungen erhalten, u.a. die Ehrenbürgerschaft der Stadt Gelsenkirchen am 23.11.1994 und das große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland im März 1999.
Kurt Neuwald, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe von 1965-1994 und anschließend dessen Ehrenvorsitzender
Am 06.02.2001 ist mein Vater im Alter von 94 Jahren verstorben. Zu seinem Gedenken wurde am ehemaligen Standort des Bettengeschäfts Neuwald in der Arminstraße eine Gedenktafel aufgestellt und am 9. Oktober 2011 wurde zudem der Gemeindesaal der Neuen Synagoge am Platz der Alten Synagoge nach ihm benannt. Ihm und den wenigen anderen Überlebenden verdanken wir, dass jüdisches Leben weiter existiert, das lag ihm immer sehr am Herzen und er würde sich sicher sehr freuen, wenn er das neu aufgeblühte jüdische Leben in der Neuen Synagoge in seiner Heimatstadt, die am 01.02.2007 eingeweiht wurde, sehen könnte!
Leider habe ich meinen Eltern sel. A. nie gesagt, wie großartig ich es finde, dass sie nach all den furchtbaren Erlebnissen und der großen menschlichen Enttäuschung, die sie durchgemacht haben, trotzdem den Mut aufgebracht haben, hier zu bleiben und den Menschen damals ins Gesicht zu schauen, die sie verlassen, beschimpft, angegriffen, entrechtet, ausgeraubt, gequält und schließlich ihre Lieben ermordet haben. Sie haben mich immer mit Vertrauen aufwachsen lassen, nie habe ich als Kind gemerkt, dass Vorurteile oder Hass da waren. Und dafür bin ich unendlich dankbar! Das hat die Grundlage für meinen weiteren Lebensweg gelegt.
In dankbarer Erinnerung an meine lieben Eltern Cornelia und Kurt, „Mögen ihre Seelen eingebunden sein in den Bund des Lebens“.
Judith Neuwald-Tasbach