Dr.-Ruer-Medaille 2025: Fußball, Fankultur und der Einsatz gegen Antisemitismus
Bochum. Am 27. Oktober wurde in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Bochum – Herne – Hattingen die Dr.-Ruer-Medaille verliehen. Seit 2004 ehrt die Gemeinde mit dieser Auszeichnung Persönlichkeiten und Institutionen der nichtjüdischen Öffentlichkeit, die sich in besonderer Weise um die jüdische Gemeinschaft und den interkulturellen Dialog verdient gemacht haben. In diesem Jahr stand die Verleihung ganz im Zeichen von Fußball, Fankultur und gesellschaftlichem Engagement.
„Es geht um die schönste Nebensache der Welt“, sagte Grigory Rabinovich, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde, zu Beginn des Abends und spielte damit auf die besondere thematische Ausrichtung der diesjährigen Ehrung an.
Daniel Lörcher, ehemaliger Fanbeauftragter von Borussia Dortmund und Gründer der what matters gGmbH
mit Eva Szepesi, Shoah-Überlebende, Zeitzeugin und Autorin
v.l.n.r.:
Aleksander Chraga, Grigory Rabinovich, Daniel Lörcher
Preisträger
Zwei Preisträger, ein gemeinsames Ziel
Gleich zwei Preisträger durften in diesem Jahr die Dr.-Ruer-Medaille entgegennehmen: Daniel Lörcher, ehemaliger Fanbeauftragter von Borussia Dortmund, sowie das Fanprojekt Bochum.
Daniel Lörcher gründete die what matters gGmbH, die sich der Antidiskriminierungsarbeit und der antisemitismuskritischen Bildung widmet. Gemeinsam mit seinem Team setzt er sich für Erinnerungskultur ein, unter anderem durch Gedenkstättenfahrten für BVB-Fans, um historisches Bewusstsein und gesellschaftliche Verantwortung zu stärken.
Das Fanprojekt Bochum, getragen von der Arbeiterwohlfahrt Unterbezirk Ruhr-Mitte in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Bochum, besteht bereits seit 1992. Die sozialpädagogische Einrichtung hat sich besonders der außerschulischen politischen Bildungsarbeit verschrieben. Seit 2015 legt das Fanprojekt verstärkt den Fokus auf antisemitismuskritische Bildungsangebote – eine Antwort auf gesellschaftliche Spannungen und zunehmende Relativierungen nationalsozialistischer Verbrechen. Zu den Projekten zählen Broschüren, Ausstellungen, Stadtführungen und Gedenkstättenfahrten. Herausragend ist der neu geschaffene Erinnerungs- und Lernort Erich-Gottschalk-Platz, der in diesem Jahr feierlich gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde eröffnet wurde.
Die Laudatorinnen des Abends, Carina Gödecke, Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen a. D., und Eva Szepesi, Shoah-Überlebende, Zeitzeugin und Autorin, würdigten die Preisträger mit bewegenden Worten.
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, zeigte sich sichtlich bewegt: „Dass Eva Szepesi heute hier spricht, berührt mich tief.“
Szepesi selbst erinnerte in ihrer Ansprache an ihre enge Verbundenheit mit Daniel Lörcher. Sie berichtete, wie sie dank seiner Unterstützung erstmals die Gedenkstätte Sobibor besuchte – den Ort, an dem ihre Großeltern ermordet wurden – und sprach von seinem Engagement, „aus dem so viel Gutes, so viel Menschlichkeit entstanden ist“.
Lörcher, ganz ergriffen von Szepesis Worten, begleitete sie zu ihrem Platz. In seiner Rede betonte er die historische Bedeutung jüdischer Vereine für die Entwicklung des modernen Fußballs und hob hervor, wie wichtig es sei, diese Wurzeln zu würdigen und lebendig zu halten.
Carina Gödecke begann ihre Laudatio mit einem jüdischen Sprichwort: „Berge kommen nicht zusammen, aber Menschen.“ Sie lobte das Fanprojekt Bochum dafür, dass es Menschen auf vielfältige Weise zusammenbringt und Räume für Begegnung und Verständigung schafft.
Starke Botschaften gegen Spaltung
Für das Fanprojekt Bochum sprach Florian Kovatsch, der das Prinzip der Partizipation hervorhob und allen Unterstützer*innen dankte. Er zitierte die Autorin Mirna Funk, die in ihrem Buch fordert, „von Juden zu lernen“ – etwa durch die jüdische Streitkultur, die dazu befähigt, Ambiguität auszuhalten und unterschiedliche Perspektiven zuzulassen, um dann respektvoll und engagiert zu widersprechen“. Auf diese Weise könne man „den spaltenden Tendenzen in unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen“, so Kovatsch.
Zum Abschluss der Feier kamen vier Vertreter*innen des Fanprojekts Bochum sowie Daniel Lörcher auf die Bühne, um ihre Medaillen entgegenzunehmen. Der Applaus des Publikums zeigte deutlich: Ihr Engagement verbindet – über Religionen, Generationen und Fangrenzen hinweg.
Marie Zielinski
Foto: Oleksander Zheleznyak