Wenn Stimmen bleiben – Wie Holo-Voices das Erinnern in die Zukunft trägt

Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Schoa wird kleiner. Was bleibt, ist ihre Geschichte – und die Verantwortung, sie nicht verstummen zu lassen. Genau hier setzt das Projekt Holo-Voices an, das Ende Januar auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen eröffnet wurde.

Holocaust-Zeitzeugin Eva Weyl bei ihrer Rede zur Eröffnung von HOLO-VOICES
Foto: Land MKW NRW / Lars Berg

Ein denkwürdiger Moment: Wolfgang Polak und Ina Brandes vor der Videoaufnahme von Holo-Voices. Wolfgang Polak wird eine Stimme
von HOLO-VOICES. Er war als Kind im niederländischen Lager Westerbork inhaftiert und ist dort zusammen mit Eva Weyl in die Lagerschule gegangen
Foto: MKW NRW / Lars Berg

Es ist kein klassisches Ausstellungsformat. Es ist ein Dialogversuch mit der Vergangenheit.

Begegnung im digitalen Raum

Mithilfe dreidimensionaler Hologramm-Technologie und künstlicher Intelligenz ermöglicht Holo-Voices Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. Besucherinnen und Besucher können Fragen stellen – das System greift auf umfangreiche, zuvor aufgezeichnete Interviews zurück und spielt passende Originalantworten ab.
Natürlich ersetzt das keine echte Begegnung. Das betonte auch die nordrhein-westfälische Kulturministerin Ina Brandes bei der Eröffnung: „Die Erfahrung und die Eindrücke einer persönlichen Begegnung mit Überlebenden des Holocaust sind unersetzlich.“

Und doch ist das Projekt mehr als eine technische Spielerei. Es ist der Versuch, Nähe zu bewahren, wenn die unmittelbare Präsenz nicht mehr möglich sein wird.

Erinnerung als Auftrag

Die Eröffnung am 27. Januar – dem Internationalen Holocaust-Gedenktag – war bewusst gewählt. Acht Jahrzehnte nach der Befreiung von Auschwitz stellt sich dringlicher denn je die Frage: Wie bleibt Erinnerung lebendig, wenn die letzten Zeugen nicht mehr persönlich berichten können?

Ministerpräsident Hendrik Wüst formulierte es klar: „Unsere Aufgabe und Verantwortung ist es, die Erinnerung an die Opfer und Überlebenden der Shoah auch nach mehr als 80 Jahren wachzuhalten.“

Das ist kein feierlicher Satz für einen Festakt. Es ist eine politische und gesellschaftliche Verpflichtung.

Holocaust-Zeitzeugin Eva Weyl bei ihrer Rede zur Eröffnung von HOLO-VOICES
Foto: Land MKW NRW / Lars Berg

Stimmen, die weitertragen

Zu den Zeitzeuginnen, deren Berichte Teil von Holo-Voices sind, gehört die heute 90-jährige Eva Weyl. Ihre Botschaft ist schlicht und zugleich von zeitloser Wucht:
„…es ist wichtig, die Vergangenheit kennen, um zu helfen, dass der Frieden bewahrt bleibt.“

Diese Worte stehen im Zentrum des Projekts. Nicht Technik um der Technik willen, sondern die Weitergabe einer Erfahrung, die mahnt – leise, aber eindringlich.
Auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, würdigte das Projekt als „…ein leuchtendes Zeichen für den Dialog und für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“

Gerade in Zeiten wachsender Polarisierung und antisemitischer Vorfälle bekommt dieser Satz besonderes Gewicht. Erinnerung ist kein Rückblick in musealer Distanz – sie ist ein Prüfstein für das Hier und Jetzt.

Mehr als eine Ausstellung

Holo-Voices ist eingebettet in weitere Ausstellungsformate auf Zollverein. Sie vertiefen individuelle Lebensgeschichten und thematisieren unter anderem Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. So entsteht ein Erinnerungsraum, der historische Dimension und persönliche Perspektive miteinander verbindet.

Die Wahl des Ortes ist dabei kein Zufall. Die ehemalige Zeche steht für Industriegeschichte, für Arbeit, für Strukturwandel – und nun auch für digitale Erinnerungskultur. Vergangenheit und Zukunft treffen hier sichtbar aufeinander.

Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Ina Brandes MdL, im Hologramm-Saal
Foto: Land MKW NRW / Lars Berg

Zwischen Technologie und Menschlichkeit

Bleibt die Frage: Kann ein Hologramm berühren?

Die Antwort liegt nicht allein in der Technik, sondern in der Haltung der Besucherinnen und Besucher. Wer sich auf das Gespräch einlässt, merkt schnell: Hinter der Projektion steht ein Mensch mit Biografie, mit Brüchen, mit Hoffnung.

Holo-Voices versucht nicht, die Geschichte zu modernisieren. Es versucht, sie zugänglich zu halten. Und vielleicht liegt gerade darin seine Stärke: Die Vergangenheit wird nicht konserviert wie ein Ausstellungsstück – sie spricht weiter.

Solange jemand zuhört.

Ramiel Tkachenko, Chefredakteur des Magazins J.E.W.