Jüdisches Leben in Deutschland heute
Kolumne des Chefredakteurs
Im Rahmen der Jüdisch-Israelischen Kulturtage in Thüringen hielt Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, am 25. März 2026 in der Neuen Synagoge Erfurt die Schlussrede.
Die vollständige Rede von Dr. Josef Schuster können Sie auf unserer Website nachlesen:
https://lvjgwl.de/2026/03/25/juedisches-leben-in-deutschland-heute/
Dr. Josef Schuster,
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Doch schon in den ersten Momenten seines Auftritts wird deutlich: Dies ist kein routinierter Rechenschaftsbericht. Es ist ein Manifest. Die Rede eines Mannes, der mit eigenen Augen sieht, wie das über Jahrzehnte mühsam errichtete Fundament der Demokratie tiefe Risse bekommt.
Schuster beginnt seine Ausführungen mit der Erinnerung an ein Wunder. Im Jahr 1950, auf der Asche des Nachkriegseuropas, glaubte niemand daran, dass Jüdinnen und Juden im „Land der Täter“ bleiben würden. Doch sie blieben. Sie blieben nicht als ewige Opfer, sondern als gleichberechtigte Gestalter. Die Überlebenden der Schoa machten der deutschen Gesellschaft ein wahrlich außergewöhnliches Geschenk – die Chance auf eine gemeinsame Zukunft.
Heute jedoch ist dieses Geschenk bedroht. Um es zu schützen, geht Dr. Schuster zum schmerzhaftesten Teil seiner Rede über und lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was er den „Elefanten im Raum“ nennt.
„Als 1950 der Zentralrat der Juden gegründet wurde, glaubten nur wenige, dass wir bleiben würden. Aber wir sind hier, wir sind Mitgestalter dieses Landes. Und damit jüdisches Leben auch morgen ein selbstverständlicher Teil Deutschlands bleibt, müssen wir heute aufhören, die Augen vor dem zu verschließen, was die Gesellschaft von innen heraus zerstört“, hallen diese Worte im Gewölbe der Synagoge wider.
Die Welt hat sich weitergedreht, Kalenderblätter wurden umgeschlagen, doch für die jüdische Gemeinschaft ist der 7. Oktober eine blutende, nicht heilende Wunde. Schuster nennt erschreckende Zahlen: 24 antisemitische Vorfälle pro Tag. Er schlägt förmlich Alarm und vollzieht dabei eine wichtige intellektuelle Wende. Sein Ziel sind nicht nur Straßenradikale, sondern auch „respektable“ Ideen, die frei im akademischen Milieu kursieren. Dies ist der schärfste Teil seines Manifests, in dem er Teilen der intellektuellen Elite eine direkte Begriffsverdrehung vorwirft.
„Israel – das Land der Überlebenden der Shoa – als ‚ein Kolonialstaat weißer Siedler‘ zu bezeichnen, ist eine groteske Verzerrung der Realität. Diese Aussage ist so bösartig wie sie absurd ist – doch sie bereitet den Boden für den Hass und die antisemitischen Übergriffe, die in den letzten Wochen besonders zugenommen haben“.
„Dieses ideologische Gift, eine blanke Perversion der Geschichte, die heute ungestraft an unseren Bildungseinrichtungen geäußert wird“, konstatiert der Präsident des Zentralrats in aller Härte.
Dabei wäre es ein Irrtum zu glauben, jüdisches Leben beschränke sich ausschließlich auf Verteidigung und den Kampf gegen Antisemitismus. Dr. Schuster weist Versuche, die jüdische Gemeinschaft in den Grenzen historischer Trauer einzusperren, kategorisch zurück.
„Wir sind ein selbstbewusster Teil dieser Gesellschaft. Wir sind keine Museumsexponate, die man nur abstauben und hinter Glas aufbewahren muss“, beharrt er. Hinter diesen Worten stehen reale Schicksale: Stadien mit Tausenden von Kindern, Ehrenamtliche, die an deutsche Schulen gehen, neue wissenschaftliche Lehrstühle. Genau das ist jenes lebendige, vitale Gewebe des jüdischen Lebens, das Schuster unter dem Ansturm der neuen Hasswelle zu verlieren fürchtet.
Gegen Ende zieht Dr. Schuster die Samthandschuhe aus. Er spricht über Thüringen – das Bundesland, in dem er sich in diesem Moment befindet. Er spricht über die AfD und den Verrat an demokratischen Idealen und erinnert daran, dass die Losung „Nie wieder“ plötzlich wieder zu einer Frage des physischen Überlebens geworden ist.
„Wir leben in einer Zeit, in der Schweigen wieder mit Mitschuld gleichzusetzen ist. Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen, bevor es zu spät ist“, wird dieser Appell zum Höhepunkt seiner Rede.
Der Auftritt in Erfurt ist eine klare Herausforderung. Die Frage ist nur: Wird die deutsche Gesellschaft sie dieses Mal annehmen? Denn von dieser Antwort hängt nicht nur die Sicherheit der Juden ab, sondern das Schicksal Deutschlands selbst.
Ramiel Tkachenko,
Chefredakteur des Magazins J.E.W. – Jüdisches Echo Westfalen