Zwi Rappoport,
Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe K.d.o.R.
Liebe Gemeindemitglieder,
Liebe Freunde,
es gibt kaum einen anderen Moment im jüdischen Kalender, in dem Gegensätze so unmittelbar aufeinandertreffen wie zu Jom HaSikaron und zu Jom HaAtzmaut. Der alljährliche Übergang vom Gedenktag zum Unabhängigkeitstag ist emotional komplex: Israel vollzieht in wenigen Augenblicken den Wandel von einem Tag der nationalen Trauer um diejenigen, die bei der Verteidigung ihres Landes ihr Leben verloren haben, zur Feier der daraus resultierenden Stärke, in Sicherheit und Freiheit zu leben.
In diesem Jahr aber war der Übergang weniger ein Wandel von tiefer Trauer zu grenzenloser Freude, als vielmehr von einer kriegsbedingten Bedrücktheit zu einer stolzen, trotzigen Feier, die von der Sorge um die Zukunft des Landes getrübt wurde.
Denn die Sicherheit ist nach wie vor relativ und die Freiheit bedroht: Israel steht vor zwei existenziellen Herausforderungen, die beide auch Juden auf der ganzen Welt betreffen.
Zum einen versuchen Israels Feinde, es zu vernichten, wie schon in der gesamten jüngeren Geschichte. Diese Feinde – in Gestalt des Iran und seiner Stellvertreter – sind in letzter Zeit der Fähigkeit, ihre genozidalen Ziele mit einem Schlag zu erreichen, näher gekommen denn je.
Die Gefahr, die die islamische Republik Iran für Israel und jeden, der sich ihr in den Weg stellt – einschließlich des eigenen Volkes – darstellt, wird so lange bestehen bleiben, solange die Islamisten an der Macht bleiben.
Zum anderen wird Israel unter Netanyahu von innen zerrissen und moralisch kompromittiert. Er hat jüdische Suprematisten ins Herz der Regierung gebracht und zudem die gesamte ultraorthodoxe Gemeinschaft dazu ermutigt, sich ihrer nationalen Verantwortung für die Verteidigung des Landes zu entziehen. Obendrein hat er sich als unfähig erwiesen, seine eigenen persönlichen Fehler einzugestehen und die politische Verantwortung für das schlimmste Massaker seit der Gründung des Staates Israel zu übernehmen.
Angesichts dieser heraufordernden Situation blicken viele Israelis, aber auch viele Juden in der ganzen Welt, sorgenvoll in die Zukunft. Irgendwann in den nächsten sechs Monaten werden die Israelis zur Wahl gehen und entscheiden, ob Netanyahu mit seiner Politik, seinen politischen Partnern und seinen persönlichen Zielen Israels Unabhängigkeit sichert oder genau das Gegenteil bewirkt.
Hoffentlich treffen sie die richtige Entscheidung.