Jom HaShoa in Dortmund

An Jom HaShoa versammelten sich knapp 60 Gäste – Gemeindemitglieder, Freunde der Gemeinde und Schülerinnen und Schüler der Oberstufe der jüdischen Religionsschule – zu einer bewegenden und warmherzigen Gedenkveranstaltung für die sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden.

Den Auftakt bildete ein musikalischer Beitrag von besonderer Tiefe: Michael Nachbar (Violine) und Tamara Buslova (Klavier) spielten die 2ème Légende Hébraïque von Vladimir Dyck.

Dyck, 1882 in Odessa geboren, studierte am Pariser Conservatoire und gewann 1911 den Zweiten Grand Prix de Rome. Als Komponist und Pädagoge schuf er ein bedeutendes jüdisches Gesamtwerk – hebräische Legenden, Psalmen und Gebete. 1943 wurde er gemeinsam mit seiner Frau und Tochter von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er am 5. August 1943 ermordet wurde. Sein Schicksal und seine Musik standen an diesem Abend stellvertretend für die zahllosen jüdischen Künstler, deren Leben und Werk die Shoah für immer zum Schweigen brachte.

Vladimir Dyck,
jüdischer Musikpädagoge und Komponist (1882-1943)

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov sprach davon, dass wir die letzte Generation sind, die das Privileg hatte, die Zeitzeugen zu erleben und ihre Geschichten aus erster Hand zu hören, „die letzte Generation, die den Menschen in die Augen schauen konnte, die durch die Hölle gegangen sind – und überlebt haben.“ Daran schloss er einen Gedanken an, der den Abend wie ein roter Faden durchzog: „Die Erinnerung wird nicht mehr persönlich – sie wird zu unserer Verantwortung. Nicht mehr sie erzählen. Jetzt müssen wir erzählen.“

Mit dem Entzünden von sechs Kerzen wurde der Gefallenen in stillem Gedenken gedacht.

Der zweite musikalische Beitrag des Abends war Eli, Eli – das Gedicht der ungarisch-jüdischen Widerstandskämpferin Hannah Szenes, die 1944 im Alter von nur 23 Jahren hingerichtet wurde und bis heute als eines der bedeutendsten Symbole jüdischen Widerstands gilt.

Den Abschluss bildete ein Redebeitrag des deutschen Schauspielers, Publizisten und Autors Gerhard Haase-Hindenberg, der aus seinem Buch „Ich bin noch nie einem Juden begegnet …“ las. Er gab den Stimmen der zweiten und dritten Generation das Wort – Menschen, deren Leben vom Trauma ihrer Eltern und Großeltern geprägt wurde – aber auch anderen Jüdinnen und Juden in Deutschland in ihrer ganzen Vielfalt. Die Lesung war tief berührend bis humorvoll, und am Ende des Abends wurde auch gelacht. Denn das jüdische Leben in Deutschland geht weiter – und genau das war vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Abends. 

Gerhard Haase-Hindenberg,
deutscher Schauspieler, Publizist und Autor

Artikel & Foto: Hana Kopelewitsch