Nach 83 Jahren – ein Foto, zwei Kinder und ein Wunder

Eine Begegnung im Café. Ein Foto aus dem Jahr 1942. Und zwei Leben, die sich nach 83 Jahren wieder kreuzen

Manchmal kündigen sich große Geschichten nicht mit Trompeten an. Sie beginnen mit einem einfachen Anruf.

Zu Gast bei Wolfgang Polak am 21. Oktober 2025
Foto: Ramiel Tkachenko / J.E.W.

Als mich Wolfgang Polak Mitte Oktober anrief, ahnte ich nicht, dass dieses Gespräch zu einer jener Geschichten führen würde, die man nicht sucht – sondern die einen findet.

„Rami“, sagte er mit seiner ruhigen, aber ungewöhnlich bewegten Stimme, „ich muss dir etwas erzählen. Aber nicht am Telefon. Wir müssen uns treffen.“
Seine Stimme klang ruhig wie immer – und doch lag etwas darin, das ich sofort spürte. Wir kennen uns fast dreißig Jahren. Umso gespannter war ich. Wir verabredeten uns für den 21. Oktober, 12 Uhr, bei ihm zu Hause.

Als ich eintraf, saßen wir uns am Tisch gegenüber. Wolfgang schenkte frisch gebrühten Kaffee ein, stellte Schokolade dazu – alles wie immer. Und doch lag etwas in der Luft, das nicht alltäglich war.

Dann begann er zu erzählen. Und mit seinen ersten Sätzen öffnete sich eine Tür, die 83 Jahre zurückführte.

Café Schrader auf der Kaiserstraße, Dortmund

„Es war vor ein paar Wochen“, sagte Wolfgang, „genauso zu der Rosch ha-Schana-Zeit. Tirzah saß im Café Schrader auf der Kaiserstraße und hatte sich gerade ein Gläschen Wein bestellt. Zwei Tische weiter unterhielt sich eine ältere, elegant gekleidete Dame mit einem jungen Mann über Stolpersteine und jüdische Geschichte in Dortmund.

Tirzah hörte zufällig ihr Gespräch. Und tat das, was nicht jeder tun würde – sie stand auf, ging hinüber und sagte: ,Schana Tova! Ich habe gehört, Sie interessieren sich für jüdische Themen.‘

Die Dame lächelte. ,Schana Tova‘, antwortete sie. ,Ja, setzen Sie sich doch.‘
Sie stellte sich vor: ,Ich heiße Eva Weyl. Ich bin Holocaust-Überlebende und halte Vorträge an Schulen. Die Stadt Dortmund hat mich eingeladen. Ich war bereits in mehreren Schulen und habe dort meine Geschichte erzählt.‘
Dann berichtete sie von ihrer Herkunft: ,Ich komme ursprünglich aus Deutschland. Mein Vater hatte ein Kaufhaus in Kleve. Vor den Nationalsozialisten sind wir nach Holland geflohen. Später wurden meine Eltern und ich in das KZ-Durchgangslager Westerbork deportiert.‘

Tirzah horchte auf. ,Mein Partner war auch in Westerbork‘, sagte sie. ,Ich rufe ihn an.‘“

Nachdem Wolfgang den Anruf erhalten und die kurze Vorgeschichte gehört hatte, kam er sofort ins Café. Dort begrüßte er Eva, und sie begannen zu sprechen.

„Meine Eltern und ich wurden nach Westerbork deportiert“, sagte Eva.
Wolfgang antwortete: „Ich war ebenfalls dort – mit meinen Eltern. Wir waren bis Ende 1942 im Lager.“

Langsam wurde ihnen klar, dass sie sich zur gleichen Zeit dort befunden hatten.

Eva erzählte weiter: „Wir hatten unglaubliches Glück. Wir wurden nicht in ein Vernichtungslager deportiert. Wir blieben bis zur Auflösung des Lagers.“

Wolfgang erinnerte sich an seine Mutter: „Wir haben ebenfalls überlebt – dank meiner Mutter. Sie war klug und mutig. Sie erreichte, dass wir Ende 1942 unter Aufsicht nach Amsterdam kamen.“
„Dann waren wir definitiv zur gleichen Zeit dort“, sagte Eva.

Und dann geschah das Unfassbare.
„Ich habe zufällig ein Klassenfoto auf meinem Handy“, sagte Eva. „Aus Westerbork. Ich kann Ihnen die Klasse zeigen, in der ich war.“

Klassenfoto im KZ-Durchgangslager Westerbork, 2. Schuljahr, 8. Juni 1942.
Eva Weyl (rechts auf dem Schoß des Lehrers) und Wolfgang Polak (der blonde Junge unten links)
Foto: privat

Sie zeigte das Bild. Aufgenommen im Juni 1942. Zweite Klasse. Kinder im Lager – an ihrer Kleidung, wie angeordnet, der aufgenähte Judenstern.
Sie deutete auf das Foto: „Da rechts sitze ich auf dem Schoß des Lehrers.“

Wolfgang betrachtete das Bild lange und aufmerksam. Dann sagte er leise: „Und da links – das bin ich.“

Es wurde still. Beide sahen sich an. Sie waren sprachlos.

„Rami“, sagte Wolfgang später zu mir, „kannst du das glauben? Wir waren nicht nur zur gleichen Zeit im Lager Westerbork – wir waren in derselben Klasse.“

Zwei Kinder auf einem Foto im Lager Westerbork. 1942.
83 Jahre später begegnen sie sich zufällig in einem Dortmunder Café.

„Wir waren beide geschockt“, sagte Wolfgang. „So etwas glaubt dir doch keiner.“

Mit dem Foto kamen auch Erinnerungen zurück – Details, die Jahrzehnte verschüttet gewesen waren. Er erinnerte sich an die viereckige Box, mit der damals fotografiert wurde. An Bilder aus einer Zeit, die man nie vergisst und doch tief in sich vergräbt.

Heute ist Westerbork eine Gedenkstätte. Auch dort löste diese Geschichte Staunen aus. Solche Begegnungen sind selbst in der Erinnerungskultur außergewöhnlich.

Und doch begann alles mit einem spontanen „Schana Tova“ – zwei Tische weiter.

Eva Weyl und Wolfgang Polak
zwei Holocaust-Überlebende, die sich nach 83 Jahren wiederfinden

Foto: privat

Als Wolfgang mir später die Fotos zeigte – das historische Klassenbild von 1942 und das neue Foto von ihm und Eva bei ihrem Wiedersehen – wurde mir bewusst, was wir hier eigentlich betrachten: nicht nur ein Dokument der Vergangenheit, sondern einen Kreis der Geschichte, der sich schließt.
Zwei siebenjährige Kinder im Lager.
Zwei über neunzigjährige Menschen, die heute vor jungen Menschen sprechen.
Zwei Überlebende, die sich nach 83 Jahren wiederfinden.
Man kann es Zufall nennen.

Wolfgang lächelte am Ende unseres Gesprächs und sagte nur: „Wenn Tirzah nicht dort gewesen wäre …“

Ich weiß nicht, ob es Zufall ist.
Im jüdischen Verständnis ist Geschichte nie nur eine Aneinanderreihung von Ereignissen. Manchmal gibt es Augenblicke, in denen sich ein verborgener Faden zeigt – ein leiser Hinweis darauf, dass nichts ganz zufällig geschieht.

Vielleicht ist es eines jener Wunder, die leise geschehen. Ohne Pathos. Ohne Ankündigung. Aber mit einer Wucht, die Jahrzehnte überbrückt. Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Wege, durch die der Ewige seine Wunder wirkt. Und vielleicht ist diese Begegnung – nach 83 Jahren – eines davon.

Das Interview mit Wolfgang Polak, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund,
führte Ramiel Tkachenko, Chefredakteur der Zeitschrift J.E.W.