Ein paar Worte über mich
Mein Name ist Michael Kogan. Von Beruf bin ich Rabbiner. Obwohl mein Nachname auf eine Abstammung aus einem Priestergeschlecht hindeutet, ist dies nicht der Fall. Die Familiengeschichte besagt, dass mein Großvater väterlicherseits, Pinchas, den Nachnamen Grinrus trug, aber … kurz gesagt, er musste ihn ändern. Diese Geschichte hängt mit dem Ersten Weltkrieg zusammen, und ich werde sie Ihnen ein andermal erzählen.
Überhaupt war es mein Großvater Pinchas, der bei meiner Geburt darauf bestand, dass ich beschnitten werde. Als ich dann älter wurde, gingen wir gemeinsam in die Synagoge unserer moldawischen Provinzstadt. Ich spielte draußen auf dem Hof mit Gleichaltrigen, während mein Großvater mit seinen Freunden aus dem Minjan für Kischinau die Weltprobleme „löste“. In den sechziger Jahren wurde die Synagoge geschlossen. Mein Großvater starb, und ich begeisterte mich für … den Sport.
In die Synagoge kehrte ich erst dreißig Jahre später zurück.
Michael Kogan,
Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen
Davor beendete ich die Schule, absolvierte das Leningrader Polytechnische Institut und arbeitete die drei obligatorischen Jahre im Leningrader Werk für Hebe- und Fördertechnik. Ich verliebte mich bis über beide Ohren in das Theater und ging völlig darin auf. Ich wurde an der Schtschukin-Theaterhochschule aufgenommen und schloss dort mein Regiestudium ab. Ebenda absolvierte ich auch meine Aspirantur.
Ich zog nach Krasnojarsk, wo ich angehende Schauspieler in ihrem gewählten Beruf unterrichtete und am Jugendtheater Stücke inszenierte. Der Regie widmete ich zehn Jahre meines Lebens. Ich habe an verschiedenen Theatern im ganzen Land gearbeitet. Das Theater hat mich vieles gelehrt, zum Beispiel die Fähigkeit, auf der Bühne eine spannende Geschichte zu erschaffen (wobei natürlich alles im Kopf beginnt). Aber das verrate ich Ihnen nur im Vertrauen!
Und wie bin ich nun Rabbiner geworden? Der Weg zu diesem Beruf war lang. Als ich in Moskau war – das war im Jahr 1990 – kam ich rein zufällig in das jüdische Kulturzentrum in Kunzewo. Ich war damals bereits 39 Jahre alt. Ich hörte mir Vorträge von Rabbi Steinsaltz ז״ל an und … setzte sofort die Kippa auf, kehrte, wie man so sagt, zu meinen Wurzeln zurück. Genau ein Jahr später machten wir mit der ganzen Familie Alija nach Israel. Alija ist natürlich ein schönes Wort, aber um ehrlich zu sein, glich das, was wir erlebten, eher einer Emigration mit all den daraus resultierenden Konsequenzen: Verlust des sozialen Status, schlecht bezahlte, wenig angesehene Arbeit und Depression. Ich arbeitete als Wachmann auf einem Parkplatz, als Aufseher in einem Kunstmuseum, als Bühnenarbeiter in der Oper … Die Kippa nahm ich jedoch nicht mehr vom Kopf ab, und ich hielt Schabbat und Kaschrut.
Danach folgten zweijährige Reiseleiterkurse beim israelischen Tourismusministerium und die Arbeit mit verschiedenen Gruppen auf Russisch und Hebräisch im ganzen Land. Erst da lernte ich Israel wirklich kennen und begann langsam und mühsam den „Aufstieg nach Jerusalem“, wodurch sich die Emigration allmählich in eine Alija verwandelte.
Im Jahr 1999 begann ich am Schechter-Institut meine Ausbildung zum Rabbiner. Nach fünf Jahren Studium verteidigte ich mein Diplom – bei uns nennt man das Smicha/Ordination – und wurde in die Jüdische Gemeinde Düsseldorf eingeladen. Dort arbeitete ich viele Jahre und sammelte enorme Erfahrungen. Danach kam Mönchengladbach. Jetzt Recklinghausen.
Als Ergebnis meiner eigenen Reflexionen und des ständigen Studiums der Schriften von Tora-Kommentatoren und der jüdischen Geschichte sind zwei meiner Bücher erschienen. Das erste basiert auf meinen Vorträgen und Gedanken zu den wöchentlichen Tora-Abschnitten. Das zweite befasst sich mit den jüdischen Feiertagen. Außerdem gibt es eine große Anzahl von Vorträgen, die auf YouTube hochgeladen sind und die man sich dort ansehen kann.
Ich sage Ihnen ehrlich: Mein einziges Bestreben ist es, nicht stehen zu bleiben, sondern den Menschen zu helfen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und sich als Teil unseres wunderbaren, alten jüdischen Volkes zu fühlen.
Michael Kogan,
Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen
Foto: Archiv der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen