ROSCH HASCHANA – das Haupt des Jahres

Im jüdischen Kalender gibt es vier Neujahrstage: den ersten Nissan – das Neujahr der Könige und der Wallfahrtsfeste; den ersten Elul – das Neujahr für den Zehnten des Viehs; den ersten Tischri – das Neujahr zur Zählung der Jahre, beginnend mit der Erschaffung des Menschen; den ersten (nach anderer Auffassung den fünfzehnten) Schewat – das Neujahr der Bäume.

(Mischna Rosch haSchana 1,1)

Warum kennt das Judentum gleich mehrere „Neujahre“? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen musste alljährlich der Zehnte der neuen Ernte sowie der im neuen Jahr geborenen Haustiere für den Tempel und die Leviten abgesondert werden. Zum anderen bedarf es einer festen Ordnung der Monate, um die Wallfahrts- und Festtage zum richtigen Zeitpunkt begehen zu können. Deshalb musste festgelegt werden, welcher Monat als der erste gilt. Ein weiterer Grund betrifft die Zählung der Regierungsjahre eines Königs. Trat ein König beispielsweise vierzig Tage vor dem ersten Nissan seine Herrschaft an, so begann mit dem ersten Nissan bereits das zweite Jahr seiner Regentschaft. Diese verschiedenen Jahresanfänge dienten also der Ordnung, der Berechnung und der Orientierung im jüdischen Leben. Doch sie erfüllen noch eine weitere, weit tiefere Aufgabe. Denn neben allem, was der Mensch zählt, ordnet und verwaltet, gibt es etwas, das seinem Tun von Anfang an vorausgeht und ihm seinen eigentlichen Maßstab gibt. Es ist das Gericht. So heißt es in der Mischna:

Viermal /im Jahr/ wird die Welt gerichtet: an Pessach hinsichtlich der Getreideernte, an Schawuot hinsichtlich der Früchte der Bäume, an Rosch haSchana ziehen alle Menschen vor Ihm vorüber, wie Schafe, denn es heißt: ‚Er, der ihre Herzen alle gebildet hat, erkennt auch alle ihre Werke.‘ “

(Psalm 33,15)

Und an Sukkot wird über das Wasser entschieden…

(Mischna Rosch haSchana 1,2)

Von diesem Rosch haSchana soll im Folgenden die Rede sein.

Den Begriff Rosch haSchana übersetzt man gewöhnlich mit „Neujahr“. Wörtlich bedeutet er jedoch „Haupt des Jahres“ – der Anfang des Jahres. Wo aber ein Anfang ist, dort gibt es auch ein Ende. Das bedeutet zugleich, dass das Jahr einen Kreislauf bildet und sich immer wieder erneuert. Das hebräische Wort Schana (Jahr) steht in enger sprachlicher Verbindung mit Schinui, der Veränderung. In diesem Sinn kann Rosch haSchana auch als „Beginn der Veränderung“ verstanden werden. Gerade darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Festes. An Rosch haSchana beginnt Veränderung. In welche Richtung? Wir hoffen: zum Guten. Wie der Talmud sagt:

„Möge das vergangene Jahr mit seinen Flüchen enden und das neue Jahr mit seinem Segen beginnen.“

(Talmud, Megilla 31b)

Der Jahresbeginn – Rosch haSchana – ist untrennbar mit Umkehr (Teschuwa) und Gericht verbunden. Die Umkehr ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Nur der Mensch selbst kann beurteilen, ob seine Reue aufrichtig war oder nicht. Anders verhält es sich mit dem Gericht. Lassen Sie mich eine einfache Frage stellen: Ist es gut oder schlecht, vor Gericht zu stehen? Der gewöhnliche Mensch wird vermutlich antworten, dass daran nichts Gutes sei. Wer vor Gericht kommt, muss mit unangenehmen Folgen rechnen. Dem kann ich durchaus zustimmen. Doch das g“ttliche Gericht ist unausweichlich – und daran lässt sich nichts ändern. Erinnern wir uns an den sechsten Schöpfungstag. An diesem Tag wurden die ersten Menschen erschaffen – Adam und Chawa. Noch am selben Tag übertraten sie das Gebot des Schöpfers, wurden gerichtet und aus dem Garten Eden verbannt. Seit jener Zeit tritt die gesamte Menschheit Jahr für Jahr am ersten Tischri vor das Gericht des Ewigen. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Als ich fragte, ob es gut sei, gerichtet zu werden, meinte ich natürlich das menschliche Gericht. Und selbst in der demokratischsten Gesellschaft bleibt jedes menschliche Gericht unvollkommen. Wahres Erbarmen kennt es nicht. Im besten Fall folgt es gewissenhaft dem Wortlaut des Gesetzes, wägt Schuld und Strafe gegeneinander ab und spricht ein gerechtes Urteil nach menschlichem Maß. Was jedoch im Herzen des Angeklagten vorgeht, bleibt selbst Richtern und Geschworenen verborgen.

Das g“ttliche Gericht eröffnet jedem Menschen, der vor Ihm steht, die Möglichkeit, sich zu bessern und seine sündhaften Eigenschaften zu überwinden.

Denn es heißt:

„Denn kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes tut und niemals sündigt.“

(Kohelet 7,20 / Prediger)

Jeder Mensch trägt Schuld in sich – der eine mehr, der andere weniger. Darum braucht jeder Mensch das g“ttliche Gericht. So zeigt sich, dass – entgegen der landläufigen Meinung – das Gericht etwas Gutes ist. Es vermag den Menschen von seiner Schuld zu reinigen, denn jede Sünde entfernt ihn vom Leben und bringt ihn dem Tod näher.

Kann aber allein das g“ttliche Gericht den Menschen verändern? Oder ist dazu auch das menschliche Gericht imstande? Leider nicht. Das menschliche Gericht kann den Schuldigen bestrafen, doch es vermag ihn nicht innerlich zu verwandeln. Dass Strafanstalten häufig als „Justizvollzugs- und Resozialisierungseinrichtungen“ bezeichnet werden, ist oftmals eher Ausdruck der Hoffnung als der Wirklichkeit. Nicht selten geschieht dort das Gegenteil: Anstatt den Menschen zu bessern, vertieft sich seine Verstrickung in Schuld. Was bleibt also uns – schwachen, egoistischen Menschen, die sich dennoch von Herzen nach Erneuerung sehnen? Wir warten auf Rosch haSchana – den Beginn der Veränderung. Wir öffnen unser Herz für den Sch“pfer und setzen unsere Hoffnung auf Sein Gericht, im Vertrauen darauf, dass dieses Gericht für uns zum Weg der Rettung wird. So spricht der Prophet:

„Zion wird durch Recht erlöst und seine Heimkehrenden durch Gerechtigkeit.“

(Jeschajahu / Jesaja 1,27)

Wir haben davon gesprochen, dass wir den Schöpfer in unser Herz aufnehmen sollen. Doch was bedeutet das eigentlich? Eine chassidische Erzählung gibt darauf eine ebenso einfache wie tiefgründige Antwort.

Einst kamen gelehrte Männer zu Rabbi Mendel, um mit ihm über religiöse Fragen zu diskutieren. Noch bevor sie Platz genommen hatten, stellte er ihnen eine Frage:
„Meine Herren, könnt ihr mir sagen, wo G“tt wohnt?“
Verwundert antworteten sie:
„Rabbi, wie könnt Ihr so etwas fragen? Ist nicht die ganze Welt von Seiner Herrlichkeit erfüllt?“
Rabbi Mendel lächelte und erwiderte:
„G“tt wohnt dort, wo man Ihn einlässt.“

G“tt in sein Herz aufzunehmen bedeutet, zu jenem Ursprung zurückzukehren, an dem der Sch“pfer dem ersten Menschen den Odem des Lebens einhauchte – mit anderen Worten: die Seele. Diesen ursprünglichen Zustand vollständig wiederzuerlangen, übersteigt wohl unsere Möglichkeiten. Doch den ersten Schritt auf diesem Weg können wir sehr wohl tun. Im Judentum trägt dieser Weg einen Namen: Teschuwa – die Rückkehr. Viele Menschen zitieren gern die Worte König Salomos:

„Was gewesen ist, wird wieder sein, und was geschehen ist, wird wieder geschehen; es gibt nichts Neues unter der Sonne.“

(Kohelet 1,9 / Prediger)

Die meisten hören in diesen Worten Resignation und Hoffnungslosigkeit. Ich hingegen höre etwas ganz anderes. Ich höre Hoffnung. Denn wenn wir wirklich zurückkehren können, dann kehren wir auch zu jenem Zustand zurück, in dem wir rein und ohne Schuld waren. Unsere lichte Zukunft liegt zugleich in unserer fernsten Vergangenheit – im Garten Eden.

Rambam (Rabbi Mosche ben Maimon) schreibt in seinen Hilchot Teschuwa:

„Was ist Teschuwa? Der Sünder gibt seine Sünde auf, entfernt sie aus seinen Gedanken und fasst den festen Entschluss, sie niemals wieder zu begehen.“

Darum heißt es beim Propheten:

„Der Frevler verlasse seinen Weg und der Mann des Unrechts seine Gedanken. Er kehre um zum Ewigen, so wird Er sich seiner erbarmen.“

(Jeschajahu / Jesaja 55,7)

Teschuwa zu tun bedeutet, das eigene Handeln ehrlich zu prüfen und sich von der Sünde abzuwenden. Es bedeutet, sich innerlich auf das g“ttliche Gericht vorzubereiten – im festen Vertrauen darauf, dass Sein Urteil gerecht ist und Bestand hat. Hat ein Mensch diesen Weg begonnen, wird er spüren, dass seine Rückkehr bereits eingesetzt hat. Und diese Rückkehr beginnt immer bei ihm selbst. Gerade darin liegt die Gewissheit, dass nichts verloren ist und dass Verzweiflung keinen Platz im Leben eines Menschen haben muss.

Schluss, so beginnt das neue Jahr. Auf Hebräisch heißt es Rosch haSchana – das „Haupt des Jahres“, der Beginn der Erneuerung und, wie wir nun wissen, zugleich der Tag des g“ttlichen Gerichts. In der Tora trägt dieses Fest einen anderen Namen: Jom Terua – der Tag des Schofarblasens*. Das wichtigste Gebot dieses Tages besteht darin, den Klang des Schofars, des Widderhorns, zu hören. Sein Ruf verkündet den Beginn des g“ttlichen Gerichts über alle Geschöpfe. Alle Lebewesen ziehen an Ihm vorüber. Der Ewige sieht jeden Einzelnen von uns. Nichts bleibt vor Ihm verborgen – weder unsere sichtbaren Taten noch das, was wir im Verborgenen unseres Herzens tragen. Und jedem Menschen wird das zuteil, was ihm zusteht. Vor allem aber wird ihm die Möglichkeit geschenkt, zurückzukehren – seine Gedanken zu läutern und sein Herz zu erneuern. Denn die Gedanken des Herzens sind der Ursprung all unseres Handelns. Möge Rosch haSchana für jeden von uns der wahre Beginn einer inneren Erneuerung sein.

Möge der Ruf des Schofars unser Herz öffnen, uns zur Teschuwa führen und uns die Kraft schenken, den Weg des Guten zu wählen.

GMAR CHATIMA TOWA – MÖGE DAS ENDGÜLTIGE URTEIL ZU UNSEREM GUTEN BESIEGELT WERDEN.

Michael Kogan, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen
Illustration: Ramiel Tkachenko*

* Die Illustrationen basieren auf meiner ursprünglichen Idee und wurden von mir künstlerisch überarbeitet. Künstliche Intelligenz kam lediglich als Entwurfswerkzeug zum Einsatz. Die endgültige Bildkomposition sowie alle wichtigen Details wurden von Hand im Grafikprogramm erstellt.